5er Tag, Dienstag
Der Morgen war bewölkt und wir so ziemlich enttäuscht, dass wir die Fahrt in die Anden ohne das Farbenspiel der Berge sehen werden. Die Wegweiser waren spärlich und immer wieder mussten wir fragen, ob wir auf dem richtigen Weg waren. Die Wolken lichteten sich und die mächtige, von der Morgensonne bestrahlte Kordilliere, zeigte sich in aller Pracht. Wir verliessen das letzte Dorf und die Strasse ging über in eine gut geschotterte kurvenreiche Landstrasse. Fast 500 Km lagen vor uns und ich fuhr oft im 2ten Gang. Ganz bestimmt wird es eine sehr sehr lange Fahrt bis zu unserem heutigem Ziel, San Pedro de Atacama, werden. In einem engen Tal schlängelte sich der Weg am Berghang entlang, Wälder aus Riesenkakteen säumten oft die Landschaft. Die Mächtigkeit und Weite der Anden begeisterten uns wie immer schon. Plötzlich öffnete sich das Tal und der Schotter ging über in eine breite, ausgezeichnet geplasterte Asfaltstrasse. Das Farbenspiel der bizarren Felsformationen, die durch die klare Luft zum Geifen nahe waren, flogen schnell an uns vorbei. Der Höhenmesser zeigte schon 3000 Meter und die umliegenden Berge waren nicht mehr soooo hoch. Immer weiter ging es jetzt an Schutthalden vorbei immer höher und höher. Die Schotterstrasse war wieder da, wir überschritten die 4000 Meter und ereichten ein kärgliches Hochplateau. Eine Lamaherde mit niedlichen Kleinen knabberte an den spärlichen Gräsern. San Antonio de los Cobres kam in Sicht, verstaubt und trocken, kein Baum kein Strauch, grau in grau. Es war 11 Uhr, wir lagen also sehr gut im Zeitplan. Ich tankte voll, eine Ziegenherde zog über die Strasse und zwei Kinder schaukelten auf einem Platz der wohl zu den Schulgebäuden im Hintergrund gehörte. Im kärglichen Laden kauften wir Mineralwasser, ein Beschwipster bettelte, um sich wohl einen Glücklichkeits-Elixir kaufen zu können. Die breite staubige Strasse an der graue staubige Häuser standen, ging über in eine schmale holprige Spur. Waren wir wohl auf dem richtigen Weg? Wieder mal half das GPS und bestätigte uns, dass wir doch in die richtige Richtung fuhren. Der Staub, wie Puder so fein, zog überal in das Auto, wir und alles im Auto wurden langsam auch grau. Ein Fahrzeug kam uns entgegen, es war eins von 3, denen wir auf der ganzen Fahrt begegneten. Jetzt überzog sich die Landschaft mit gelb-silber leuchtendem Coirongrass und die ersten Vulkankegel stiegen empor. An einem Wässerchen mit grünem kurzem Grass weidete eine Herde Lamas und der Himmel war so dunkel blau... blau und dahinter die tief schwarzen Vulkankegel, mit ein paar Tüpfchen Schnee. Es war so grell, dass es schwierig war, die Instrumente im Auto abzulesen. Die Strasse fing an, stärker zu steigen, Motortemperatur normal, Zugkraft normal. Im 2ten Gang ging es über die 4500 Grenze und steigend. Ich hatte den Eindruck, als ob die Steigung nie ein Ende nehmen würde. 4600! Wir waren auf dem Grat! Ein bisschen benommen stieg ich aus dem Auto, alles war normal, das Auto und wir. Langsam gingen wir etwas herum und genossen die unglaubliche Weite mit ihrem dunkelblauen Himmel und schwarzen Vulkankegeln. Jetzt tauchten die ersten Salzseen auf. Die meisten waren nur noch weisse glitzernde Salzflächen, kein Wasser war zu sehen. Steinwüsten wechselten über in Salzseen und nur spärlich war das Coirongrass. Plötzlich eine Herde Vicuñas in einer sehr kargen Gegend, unglaublich, dass diese Tiere hier überleben. Vicuñas sind Verwandte der Lamas, kleiner, mit einem unglaublich weichem helbraun rötlichem Fell, ein bisschen grösser als ein Reh, leicht gebaut mit dem langen Hals der Lamas. Fast wurden sie ausgerottet. Ein paar Fotos gelangen mir. HE die unsere Filmkamera bedient, bemerkt zu spät, dass die Baterie zu Ende geht. Ab jetzt gibt es nur Bilder. Am Ende des Salar del Rincon mitten im Nichts, nur Steine und Sand, taucht der argentinische Grenzposten auf. Grosse, wie Kontainer aussehende Behausungen, zuvorkommend, freundlich, aber bestimmte Beamte prüfen gründlich unsere Autopapiere und in die Autofenster eingravierte Chassisnummern. Sie bieten uns an, wenn nötig, an der Sauerstofflasche zu schnüffeln. Wir lehnen ab, fühlen uns pudelwohl in diesen Höhen. Weiter geht es, wieder ein 4500-Meter-Grat wird überwunden, dann die Grenze mit grossen Schildern, die darauf hinweisen, dass wir Argentinien verlassen und dass wir chilenischen Boden betreten. Die Lanschaft wird immer trockner und wir spüren richtig, dass, wir uns der Atakamawüste nähern. Jetzt taucht der chilenische Grenzposten auf, kärglich im Vergleich zum argentinischem Luxus mit Air Condition. Das Skelett einer abgebrannten Unterkunft erweckt nicht den besten Eindruck. Chile hat es schon vor langen Jahren geschafft, die Maul- und Klauen-Seuche, durch ein riguroses Vorgehen an den Grenzübergängen, auszurotten. Unsere Räder, werden desinfiziert und wir müssen auf einem Schaumgumi mit einer gelben Flüssigkeit herumtrampeln. Hier ist die Passkontrolle, Zollabfertigung aber erst in San Pedro de Atacama. Wieder steigt die Strasse bis auf 4500 Meter, vorbei geht es an der Lagune Tuyuhai. Hellgrün leuchtet das Wasser umrandet von weiss glizerndem Salpeter am Strand, umgeben von verschiedenfarbigen kleinen Vulkankegeln unter dem Hellblau am Horizont und dann sich bis ins tiefblau steigernden Himmel. Und dann offnet sich der Horizont und wir blicken aus der Höhe auf den riesigen Salar de Atacama, der aus der Ferne mit mehreren weissen glitzernden Salpeterfeldern das Ende unserer heutigen Fahrt bedeutet. Ich bin den ganzen Tag alleine gefahren, da He nicht die genügende Erfahrung mit Schotterstrassen hat. Schnell verlieren wir an Höhe, und irgendwo sollten hier ein par Lagunen auftauchen. Ein kleines Schild weist darauf hin, eine Spur führt auf eine malerisch mit Coirongrass bewachsene Anhöhe, über der ein schwarzer Vulkankegel steht. Ich bin zu müde, um noch einen Abstecher zu machen, leider, hinter der Anhöhe befindet sich eine der schönsten Landschaften. Das erste Dorf, und wieder eine gepflasterte Strasse. Nur noch 90 Km bis zur Oase San Pedro. Der Fast 6000 Meter hohe Vulkan Licancabur steigt imposant aus der 2500 Meter hohen umliegendern Hochebene. Um 19 Uhr sind wir beim Zoll, ich bin 12 Stunden gefahren. Zwei grössere Geländewagen stehen dort, das gesamte Gepäck steht rundherum, sie wurden radikal ausgepackt. Ich dachte mir „so ist das... mal sehen, was da kommt“, packte meinen Pass und Autopapiere und begab mich in das Zollgebäude. Am Ende einer grösseren Halle befand sich ein kleines Büro, in dem sich mehrere Menschen aufhielten. Ich sah 3, sich leise auf französisch verständigende Touristen, einen am PC sitzenden Beamten etwas schreiben und eine Schönheit, mit langen blutroten Fingernägeln, hinter einem Schreibtisch sitzen. Da niemand mich nach meinem Anliegen fragte, die Dame mit den roten Fingernägeln war nicht beschäftigt, sondern sprach hin und wieder ein paar Worte mit dem PC Menschen, wandte ich mich mit meiner freundlichsten Miene, die wohl etwas verstaubt war, an sie und fragte, was ich den tuen müsste, um mit meinem Auto einzureisen. Die dunkle Schönheit durchbohrte mich verächtlich und meinte, dass hier alle beschäftigt wären und ich warten sollte. Wahrscheinlich war sie der Chef (oder ein Chef-Inspektor) und da braucht man ja nicht mehr zu arbeiten. So zog ich mich in den Hintergrund zurück und beobachtete, was sich dort so abspielte.
Drei aus Kakteenholz gefertigte Objekte, zwei Kästchen und ein Becher, standen auf dem Schreibtisch und der PC Mann war dabei, ein Dokument aufzusetzen, in dem verbotene Objekte aufgeführt und eingezogen wurden. Kakteen stehen unter Naturschutz. Das Dokument war endlich soweit, jetzt streikte der Drucker. Der PC Mann flüsterte dabei mit der Schönheit, dass das doch alles nicht nötig wäre, die aber fauchte leise zurück, und so wurde das Dokument dann fertiggestellt und den Übeltätern (eine Frau, ein Mann und ein neckischer Halb-Mann), von einem neu dazu gekommenen Beamten vorgelegt. Jetzt stellte sich heraus, dass die Schuldigkeitserklärung auf den Namen der Frau ausgestellt wurde, und die behauptete, dass ihr nur ein Kästchen gehöre. Dies auf französisch. Die beiden Männer, von denen der eine sich recht neckisch aufgeregt benahm, plapperten aufgeregt durcheinander. Der dazu gekommene Beamte meinte auf spanisch, dass er es nicht dulden kann, dass hier in fremden Sprachen gesprochen wird, da es ja sein könnte das er beschimpft würde. Die Belgier verstanden nichts, der Beamte auch nichts. Es war nah dran an einem belgisch-chilenischen Konflikt. Ich klebte stumm an der Wand und vergnügte mich mit dieser kafkanischen Szene köstlich. Schlussendlich erklärte sich die Frau bereit, zu unterschreiben und der dazugekommene Beamte plus der Schönheit und die Belgier verschwanden. Bestimmt war der neckische Mann-Frau Belgier, der Anlass zu dieser Schikane. Jetzt endlich wandte sich der nette PC Mann an mich, und ich konnte mein Anliegen vorbringen. Bald war ich im Besitz einer temporären Importlizenz für mein Auto. Den Inhalt unseres Autos wollte er gar nicht prüfen. Zwischendurch streikte wieder der PC und die Importlizenznummer musste aus einer dafür zur Verfügung stehenden Liste entnommen werden.
Weiter ging es ins sagenumworbene San Pedro de Atacama. Als ich das graue verstaubte Nest sah, war ich ganz enttäuscht. Es entsprach gar nicht den Bildern, die man in Büchern und Zeitschriften gesehen hat. Von einer Oase mit grünen Bäumen war nichts zu sehen. Verstaubte hässliche Wüstenhäuser drängten sich aneinander, durchzogen von ein paar engen holprigen Gassen, in denen es mit meinem Auto nur schrittweise vorwärtsging, voll mit Touristen aus aller Welt. Am Rande dieser „Altstadt“, an einer breiten Staubstrasse, sahen wir ein Schild „Hostal“. Dort kehrten wir ein und hinter den hässlichen grauen Lehmmauern standen ein gutes Dutzend kleine Holzhäuschen, in denen wir Unterschlupf fanden.
Nachdem wir uns der Staubschicht entledigt hatten, bei PA ging das nicht so einfach, erkundigten wir uns nach der Tour zu den Geisiern del Tatio, schrieben uns auch ein. Um 4:00 würden sie uns abholen. Also, los ging es zu einem Stadtbummel, San Pedro „by night“. In der Haupgasse (es gibt nur eine) drängen sich hinter den Lehmwänden die Esslokale und vor jeder Tür hüpfen 2 Anpreiser herum, die alle anquatschen und ihre Küche und besten Pisco-Sauer loben. Wir flüchteten erstmal in eine Internet-Höhle zum e-mailen, anschliessend gings dann zum Essen. Das Esslokal war so halb unter freiem Himmel und in der Mitte brannte ein Lagerfeuer. Gutes Essen und gute Bedienung. Bald ging es in Richtung Bettchen. Der Wecker war nicht mehr da, wir vergassen ihn in El Dorado. Um 3:30 sollten wir geweckt werden.