B 70. Jürgen XI., Jürgen's VI. (B 54) Sohn, auf Kaunispä, 1617.

Wie in der Lebensgeschichte Jürgen's VI. gezeigt ist, gehörte derselbe mit seinen Söhnen Klaus IV. und Jürgen XI. zur Linie Fistehl, und wahrscheinlich war Jürgen XI. der ältere Sohn, da ihm das Erbgut seines Großvaters Klaus III., Kaunispä mit den Gesinden zu Salm, zufiel, während Klaus das erheirathete Gut Käsel erhielt. Die Erbtheilung fand am 20. October 1572 Statt.

Durch seine Vermählung mit Margaretha von Tiesenhausen wurde er Herr von Mehntack im Ksp. Jewe, welches Gut aber damals von den Russen besetzt war.

Nachdem mit der Eroberung Wesenberg's durch Pontus De la Gardie (1581 am 4. März) Wierland wieder gewonnen war, meldete sich auch Georg v. U. zu den Gütern seiner Frau, Mehntack und Rlesna. Pontus De la Gardie gab ihm eine Vorschrift 1582 am 18. März an den Statthalter von Narva, Karl Henrichson Horn, den er beauftragte, Ungern das Gut Meyentacka einzuweisen. In seiner Eingabe hatte Georg v. U. nachgewiesen, daß Peter Tiesenhausen von Dormentacken, welches jetzt Mehentacka heiße, niemals gegen S. K. Maj. von Schweden gewesen sei, worüber er ein Zeugniß der Herren Landräthe beibringen könne. Derselbe habe aber sein Gut verlassen und sich in Oesel bei einem Bauern erhalten müssen. Sein Sohn Dirich Tiesenhausen aber habe sich in Dänemark eine Zeit lang aufgehalten und dort als Junge (Junker, Page) gedient. Demgemäß wurden bei der Revision 1586 die vorgelegten Briefe für „vollhabig" erklärt, und Georg v. U. erhielt die Zusage, daß er bei seinen Gütern erhalten werden solle, doch müsse er später bei Sr. Majestät um Confirmation anhalten; im Fall es aber Sr. Majestät gefällig wäre, einige dieser Güter unter das Haus (Wesenberg) zu legen, so sollten ihm für Mehntack an einem anderen Orte Güter eingewiesen werden.

Obwohl in der Deduction der Familie Tiesenhausen Margaretha nicht genannt wird, so kann doch kaum ein Zweifel fein, daß ihr Vater Peter, Peter's Sohn, und ihre Brüder Detlef und der junge Dierich gewesen seien. Von Peter dem Aelteren, der 1555 am 11. Juni der Alte heißt, wird ausdrücklich erwähnt, daß er sich in Wierland verheirathet habe und auch Peter's des Jüngeren Gemahlin, eine geb. Düker, scheint aus Wierland zu stammen.

Am 2. Juli 1587 verkaufte Jürgen v. Ungern das Dorf Obbias an Wolter Stackelberg für 1100 alte Mark. Er hatte dieses Dorf von Joh. Taube für 1500 Mark gepfändet und reservirte daher letzterem das Einlösungsrecht unter der Bedingung, daß im Fall der vollständigen Einlösung ihm W. Stackelberg auch die überständigen 400 Mark noch auszahlen solle.

Nach dem Tode seines Bruders Klaus erbte Jürgen auch dessen Gut Käsel, welches er 1590 besaß, während Klausholm an die Familie Berg zurückfiel, der es 1641 gehörte.

Jürgen von Ungern lebte in kinderloser Ehe und vermachte daher sein Gut Kaunispäh seiner Nichte Margarethe von Rosenhagen, die Alezander von Sacken, genannt Osten, geheirathet hatte, eine Schwestersohn von Jürgen's Frau. Käsel erhielt sein Schwestersohn Hinrich von Howe, der aber der Wittwe die ihr zuständige Morgengabe mit 4000 Rth, auszahlen sollte. Da die Zahlung ihm zu schwer wurde, so ermäßigte Margarethe von Tiesenhausen ihre Forderung 1620 am 21. März auf 1800 Rth.

Nach Jürgen's von Ungern Tode verkaufte dessen Wittwe ihr Erbgut Mehntack für 5400 Mark an Taube Bremen, der ebenfalls ihr nahe verwandt war. Als Wittwe schenkte Marg. Tiesenhausen der Kirche zu Kernel eine steinerne Kanzel.

Auf dem Rande des Schalldeckels, der jetzt nicht mehr im Gebrauch ist, sieht man die etwas defecte, von Herrn Oberlehrer Holzmayer in Arensburg 1872 copirte Inschrift:

... die Edle Chr und tugendreiche m ...... husen,

h. Jurgen von ungern nachgelasne witwe . .. disen predikstul zur ehre gottes gegben.

A 71. Georg XII., Wolmar's IN. (A 56) Sohn, auf Orellen 1627.

Vielleicht war er der Georg von Ungern, der 1577 in Preußen seinen Namen mit einem gemalten Wappen in ein Stammbuch eingeschrieben hat, welches um 1860 sich im Besitz des Pastors Ragotzky in Triglitz bei Pritzwalk befand.

Vor der polnischen Commission erschien Georg 1599 mit seinen Brüdern Otto und Wolmar (A 72. 73), Sie wiesen nach, daß der Großvater ihrer Mutter, Berthold Rostiger, 1463 das Gut Orellen für 620 Mark getauft habe und dieser Besitz ihm in demselben Jahre vom Erzbischof Sylvester confirmirt worden sei. Durch Erbgang sei dieses Gut auf ihren Vater Wolmar (A 56) und jetzt auf sie gekommen.

Damals verwaltete Georg v. Ungern Eichenangeln für die Wittwe Fabian's II. v. U. (A.58), deren Sohn Richard (A 77) noch minderjährig war. Er stellte 1599 zur aufgebotenen Adelsfahne zwei Reiter für Eichenangern, während sein Bruder Wolmar das Stammgut Orellen oder Röstjerw innehatte. Nachdem dieser Bruder Wolmar 1601 oder 1602 im Kampfe gegen die Schweden gefallen und sein Bruder Otto zu den Schweden übergegangen war, trat Georg von Ungern Orellen an, welches noch im Bereiche der polnischen Oberherrlichkeit lag. Am 24 Jan. 1602 verkaufte er an den Hauptmann von Marienburg (in Preußen) Friedrich Kanitz einen grauen Wallach für 50 Regalen.

Am 14, September 1617 lieh Georg von Ungern zu Orellen dem Bürgermeister von Riga Kaspar Bruggen 100 Thaler rig., von welcher Summe dieser am 23. November 1622 an Georg Ungern's eheliche Hausfrau Elisabeth Budde 50 Daler zurückzahlte. Unter der Quittung hat sich Fabian III. v. Ungern (B 68) als Zeuge unterschrieben. Seine Differenzen mit dem Arrendator von Orellen, Hans Kußke, wurden durch den Gouverneur Swante Banér 1627 am 14. September zu Riga ausgeglichen.

Georg v. Ungern war vermählt mit Elisabeth Budde, welche eine Polin gewesen sein soll, hinterließ aber keine Kinder,

A 72. Otto V., Wolmar's III, (A, 56) Sohn, auf Orellen und Linden, gest. 1646.

1. Jugend und Besitzungen.

Otto's Vater, Wolmar, hatte nach langer Ehelosigkeit, zu der ihn sein geistliches Amt eines Dompropstes verpflichtete, spät geheirathet, und dem fast siebzigjährigen wurde 1570 zwischen Michaelis und Martini sein Sohn Otto' geboren, der daher wohl der jüngste gewesen sein mag. Bald nachher wird wohl der Vater seine Augen geschlossen haben, und Otto trat, bevor er noch das mündige Alter erreicht hatte, in den Dienst des Königs Johann III. von Schweden, nach dessen Tode (am 27. November 1592) er sich dem Herzoge Karl von Södermanland anschloß. Im Jahre 1599 war Otto in Livland und vertrat vor der Revisionskommission mit seinen Brüdern Georg und Wolmar seine Rechte auf Orellen, kehrte aber dann zu seinem Herzoge zurück, unter dessen Fahnen er von 1600 an gegen Polen focht.

Da Orellen im Kirchspiel Roop noch im polnischen Gebiete lag, so konnte Otto natürlich auf den Besitz keine Ansprüche machen, sondern überließ das Gut seinem Bruder Georg, der als friedlicher Gutsherr auf der Seite des Königs von Polen geblieben war. Sobald aber durch Gustav Adolf's Eroberungen von Riga und Wolmar das Land wieder schwedisch geworden war, machte er sein Recht geltend und erbte nach dem Tode seines Bruders Georg XII, auch Orellen. Jedenfalls befand er sich 1641 im Besitz des Gutes und vererbte es an seine Tochter und an seinen Schwiegersohn Alexander von Essen. Noch während der Regierung Karl's IX. muß er in der Wiek sich aufgehalten haben, wo er 1605 am 13. Februar mit einem Bauern ein Pferd vertauschte.

Im Jahre 1604 war er in Reval und trat als Bruder in die Gesellschaft der Schwarzenhäupter, indem er als Eintrittsgeld 16 Mark oder etwa 3 Rth. bezahlte.

Bald nachher heirathete er zum eisten Mal; der Name seiner Frau ist nicht sicher bekannt, doch scheint sie zur Familie Vietinghof gehört zu haben.

Für die treuen seinem Vater geleisteten Dienste belehnte Gustav Adolf bald nach seiner Thronbesteigung Otto v. Ungern am 2. November 1612 mit Groß-Kalli im Gebiete von Lode, einem Dorfe von 14 Haken Landes.

2. Gustav Adolf in Livland.

Als nach seines Vaters Tode der jugendliche Held Gustav Adolf 1614 den Krieg gegen Rußland fortsetzte und mit der ehstländischen Adelsfahne Gdow stürmte, war Otto v. Ungern dabei, ebenso 1615 bei dem Kampfe um Pleskau. Da alle Versuche, mit Polen sich zu vereinbaren, gescheitert waren, weil Sigismund III. Gustav Adolf nur als rebellischen Unterthan betrachtete, mit dem kein Friede zu schließen sei, so kündigte Graf Jakob De la Gardie nach Ablauf eines Waffenstillstandes am 28. März 1621 Polen den Krieg an. Die Stadt Riga bat König Sigismund III um eine starke Besatzung, erhielt aber nur 300 Mann und war somit auf Selbstvertheidigung angewiesen.

Mit großen Opfern setzte die Bürgerschaft ihre Stadt in einen guten Vertheidigungsstand und übte sich in den Waffen. Im August 1621 sammelten sich die schwedischen Heerhaufen vor Riga, und nachdem Gustav Adolf die Stadt vergeblich zur Uebergabe aufgefordert hatte, begann am 13. August die Belagerung, die bis zum 15. September dauerte, ohne daß die Polen mit Ernst an Entsatz gedacht hätten. Da nun aber Gustav Adolf drohte, die Stadt bei längerem Widerstände zu stürmen und der Erde gleich zu machen, so sandte die Stadt den Bürgermeister Heinrich von Uleubrock und den Rathsherrn Thomas Ramm nebst anderen Deputirten ins schwedische Lager, und am 15. September 1621 ergab sich die Stadt dem Sieger, der ihr alle ihre Rechte und Privilegia bestätigte und am Sonntage den 16. September seinen feierlichen Einzug hielt.

Auf die Entschuldigung wegen des zu hartnäckigen Widerstandes erklärte er den Bürgern, er wünsche von ihnen keine bessere Treue uud Mannhaftigkeit, als sie für König Sigismund gegen ihn bewiesen hatten. Darauf begab er sich in die Petrikirche und wohnte dem Dankgottesdienste bei, den der Oberpastor Herman Samson hielt. Gustav Adolf schenkte der heldenmüthigen Stadt das Schloß Lemsal mit dem ganzen Gebiete zum Eigenthum. Thomas Ramm aber, welcher der Stadt vom ferneren Widerstände abgerathen, verlieh er das Kloster Padis und erhob ihn in den Adelstand.

Bei dieser Belagerung Riga's sowohl als bei der am 4. Jan. 1622 erfolgten Eroberung von Wolmar war Otto von Ungern zugegen, war also seinem Könige bestens bekannt, zog aber fortan nicht mehr in's Feld. Indessen verfolgte der König rüstig seine Siegeslaufbahn. Am 26. August 1625 ward Dorpat erobert und damit war ganz Livland in Gustav Adolf's Händen. Darauf schlug er am 6. Januar 1626 die Polen total bei Wallhoff, und als Sigismund noch immer nicht Frieden halten wollte, bekämpfte er ihn in Preußen, bis endlich am 16. September 1629 der Friede zu Stumsdorf den erschöpften Ländern auf einige Zeit Ruhe gab, dem heldenmüthigen Könige aber vergönnte, seine glorreiche Laufbahn zu vollenden und mit der Siegeskrone geschmückt für die Glaubensfreiheit sein Leben einzusetzen.

3. Linden

Nachdem Otto v. Ungern seine erste Frau durch den Tod verloren hatte, heirathete er am 14. März 1614 Joachim Fersen's Wittwe Anna Herkel von Linden.

Da Linden das Stammgut fast aller noch lebenden Ungern geworden ist, so erscheint es berechtigt, hier die Geschichte desselben von da an einzuschalten, wo Jürgen v. Ungern, Freiherr auf Pürkel (A 40), dasselbe am 13. September 1530 an Gorris Herkel verkaufte.

Nach dem Tode Jürgen's IV., als der Markgraf Wilhelm im Herbste 1534 die Wiek verlassen mußte, hatte Reinhold v. Ungern (A 41) auch Weißenfeld dem Gorris Herkel überlassen, weil es unfehlbar sonst vom Bischof Reinhold von Buxhöwden consiscirt worden wäre. Nach dem Tode des Gorris Herkel heirathete dessen Wittwe Johann Brink, der sich 1547 von seinem schwachsinnigen Stiefsohne, welcher ebenfalls Goryes Herkel hieß, Linden und Weißenfeld auftragen ließ und diese Güter einige Zeit besaß. Als aber sein jüngerer Stiefsohn Reinhold Herkel heimkehrte und gegen diesen Auftrag protestirte, widerrief Goryes Herkel denselben vor dem Dompropste Friedrich v. Ampten am 12. October 1548 und überließ Linden seinem Bruder Reinhold, der ihm dafür 400 Mark und einen beschlagenen Degen, eine Wohnung in der Herberge nebst freier Kost und Bedienung gab. Aber Weißenfeld erhielt Reinhold Herkel nicht zurück, denn Bischof Johann von Münichhusen hatte ihm dasselbe schon am 1. Februar 1548 ab- und Simon Vietinghoff zugesprochen, von dem es Otto v. Gilsen kaufte.

Die beiden Nachbarn lebten in beständiger Gränzfehde, und noch 1560 bedauerte es Bischof Johann, daß durch diesen Urtheilsspruch, zu dem er aus Unwissenheit seine Zustimmung gegeben, Reinhold Herkel vor Gott und der Welt Unrecht geschehen sei.

Als am 4. Juni 1561 die Ritterschaft Ehstlands dem Könige Erich XIV. den Huldigungseid leistete, verweigerte Reinhold Herkel denselben, weil er nicht schwedisch werden wolle, worauf ihm Linden genommen und an den Grafen Klas Horn vergeben wurde, der sich aber nie darum bekümmert zu haben scheint.

Nach Herkel's Tode wurden 1586 der Wittwe desselben zwei Haken Landes eingeräumt, und 1595 am 9. Juli suchte Joachim Fersen, der ihre Tochter Anna Herkel geheirathet, bei König Sigismund III. um die Restitution Linden's nach, wobei ihm sein Lehnsherr, Johann Friedrich, Herzog zu Stettin und Pommern, durch ein Empfehlungsschreiben an König Sigismund III, vom 1. Juni 1598 behülflich war. Aber erst 1600 wurde ihm das Gut von den Schweden eingeräumt und 1602 von dem Gouverneur Herzog Hans Adolf von Holstein bestätigt. Fersen starb bald nachher, und durch die Vermählung seiner Wittwe mit Otto v. Ungern ging ihr Recht auf diesen über.

Fast zehn Jahre hatte er in einer glücklichen, aber kinderlosen Ehe mit Anna Herkel gelebt, und als sie ihr Ende herannahen fühlte, vermachte sie ihm am 16. Juni 1623 das Gut Linden und ernannte zum Executor des Testaments ihren Schwager Hans Fersen, der Statthalter von Hapsal war. Das Testament ließ sie dann noch am 12. Juli 1623 vom wiekschen Manngericht bekräftigen und von dem Mannrichter Heinrich von Ungern zu Assoten unterzeichnen.

Gegen dieses Testament protestirte sofort vor dem Oberlandgericht Reinhold Lieven von Parmel, welcher Anna Herkel's Schwester Magdalena zur Frau hatte, worauf Otto v. Ungern sich am 10. Juli 1624 mit Lieven dahin verglich, daß er ihm als Erbtheil seiner Frau 400 Rth. auszahlte und Lieven ihm Linden cedirte. Am 20. Mai 1626 zahlte er auch seinem Schwager Heinrich Rehbinder, der seine Schwägerin, Margaretha Herkel, zur Frau hatte, deren Erbtheil aus Linden mit 400 Rthlr. aus, worauf auch dieser sein Recht an Linden ihm abtrat.

Auf Otto's Bitte stellten die Landräthe ihm am 22. Juli 1624 das Zeugniß aus, daß Linden ein altes Herkel'sches Erbgut gewesen und Otto v. Ungern von Jugend auf den Königen Schwedens treu gedient habe. Im Herbst ließ dann Otto noch eine gerichtliche Bestimmung der Gränze, so wie die Schlichtung des Streites wegen der Fischerei im Gränzbache zwischen Linden und Weißenfeldt vornehmen. Um diese Zeit starb die kränkelnde Anna Herkel.

Nachdem Otto v. Ungern auf diese Art seine Geschäfte geordnet, schritt er am 24. Juli 1626 zu seiner dritten Ehe mit Elisabeth Uexküll aus Padenorm, die den 57 jährigen Mann am 30. October 1627 mit einem Sohne erfreute, der in der Taufe seinen Namen erhielt.

Da Otto sich nun beerbt wußte, suchte er bei Gustav Adolf um die Confirmation von Linden nach, die ihm sein wohlgewogener König auch am 8. Mai 1629 gnädigst ertheilte, und zwar: 1) weil Otto Ungern nachgewiesen, daß sein Großvater Jürgen v. Ungern zu Pürkel dieses Gut 1530 an Gorius Herkel verkauft habe, dessen Sohnes Tochter er geheirathet, und 2) weil kein Herkel mehr am Leben und Linden somit nach dem Reichstagsbeschlusse zu Norköping von 1604 in die Disposition der Krone gekommen sei. Daher wolle der König seiner langjährigen Dienste, die er den Königen Johann III. und Karl IX., so wie ihm selbst geleistet, gnädigst gedenken und das Gut wieder an den Stamm, von dem es abgekommen, gelangen lassen.

Aus diesem wichtigen Document ersieht man, daß nicht Reinhold, sondern Jürgen von Ungern Otto's Großvater und der Stammvater fast des ganzen jetzt lebenden Geschlechts Ungern-Sternberg sei.

Für die Ertheilung der Confirmation präsentirte Otto seinem Könige 300 Tonnen Roggen, über deren Empfang der Proviantmeister J. Philipß in Reval am 3. August 1629 bestens quittirte. Ueber seiner Hausthür aber ließ Otto einen noch jetzt vorhandenen Denkstein einmauern, der die Jahreszahl 1630 nebst seinem und seiner Frau Wappen und Namen trägt, zum Gedächtniß Dessen, daß Linden nach 100 Jahren wieder an seine Familie gekommen, und in der Hoffnung, daß es fortan in derselben bleiben werde. Mit geringen Unterbrechungen hat auch das Gut den Freiherren Ungern-Sternberg gehört und ist seit 1868 im Besitze des jetzigen Grafen Ewald Ungern-Sternberg von Großenhof. Der Stein hat folgende Aufschrift: O V V Z L E. E V V V P F Z L. G H Z R Z. G V L D S N. D. h. Otto Von Ungern Zu Linden Erbgesessen. Elisabeth Von Uextüll Von Padenorm Frau Zu Linden. Gott Hilft Zur Rechten Zeit. Gott Ver Läßt Die Seinen Nicht.

Der schon so oft wiederholte Streit wegen der Fischerei wollte kein Ende nehmen. Ein Weißenfeld'scher Bauer, der einem Linden'schen seine Netzstricke zerschnitten hatte, wurde am 11. Februar 1636 vom Manngerichte mit 9 Rthl. gestraft, und am 27. Juni 1637 fällte ein Schiedsgericht sein Urtheil über die Fischerei im Gränzbache zwischen Linden und Weißenfeld. Aber 1642 mußte Otto wieder über die Gewaltthätigkeiten klagen, welche sich Joachim Friedrich Zoege von Weißenfeld bei der Fischerei erlaubt habe, weshalb der Gouverneur Ph. Schedinug am 5. Mai ihm befahl, entweder seinen Nachbar unturbirt zu lassen oder seine Beweise vor Gericht zu produciren.

4. Sepp.

Zu Weißeufeld und Linden hatte, als die Güter noch ungetheilt waren, eine Landstelle im Kirchspiel Röthel, Sepp genannt, gehört, war aber schon vor längerer Zeit davon abgekommen und dem Herbert von Lohe überlassen, welcher es 1586 nebst dem Höfchen Nergenah bei Hapsal an seinen Sohn Johann vererbte. Dieser verkaufte Sepp 1599 am 8. März an Urbau Felgenhower, der es an Franz Kappe und Jürgen Wettberg verpfändete und, da er es nicht halten konnte, Ersterem abtrat. Fr. Kappe überließ sein Anrecht seinem Schwager Johann Wogreffe, der auch die Schuld an J. Wettberg abtrug und 1619 am 19. März das Landstück, welches 5/4 Haken enthielt, seinem Schwager Otto von Ungern auf Linden für 300 Herrendaler und ein junges Pferd überließ.

Obgleich Herbert von Lohe seine Tochter Anna vollständig abgelegt (abgefunden) hatte, erhob sie doch 1632 Ansprüche auf die Landstelle Sepp, wurde aber vom Oberlandgerichte am 10. März 1632 und am 5. März 1633 für immer abgewiesen. Um seine Gränzen zu arrondiren, kaufte Otto v. U. 1642 vou Reinhold Klick ein Streustück von acht Losstellen Landes, welches bei der Landstelle Seppe (Sepp) belegen war, für 2 1/2 Lst. Korn und ein junges Stutenfüllen. Von demselben R. Klick hatte er schon 1625 am 11. Juli zwei Bauern gekauft, deren einer Rohhoküll Matz hieß, offenbar also an der Landungsstelle der nach Dagden bestimmten Schiffe wohnte, welche schon vor langer Zeit als Hafenplatz benutzt worden ist. In der Nähe von Rohhoküll liegt der noch jetzt berühmte Linden'sche Steinbruch, aus dem etwa um 1850 viele Schiffsladungen nach St. Petersburg geschafft wurden, um zum Leuchtenberg'schen Palais Material zu liefern. Jakob De la Gardie bat am 5. August 1632 von Stockholm aus Otto von Ungern, indem er ihm für die bisher erhaltenen trefflichen Steine dankte, um Erlaubniß, auch ferner noch aus seinem Steinbruche Fliesen holen lassen zu dürfen, weil er derselben zum Schloßbau [zu Hapsal] sehr bedürfe.

Ferner hatte auch Otto von Ungern in Beziehung auf die Stellung der Kirchenstühle mit seinem Nachbarn eine Differenz, und am 5. März 1633 entschied das Oberlandgericht, daß der Kidepäh'sche Stuhl in der Röthel'schen Kirche zurückgerückt, dagegen die Kirchenstühle von Linden und Weißenfeld als altadeligen Höfen neben Christoph Kursel's Stuhl gesetzt werdeu sollten. Kursel war Otto's Schwiegersohn, daher wollte der alte Herr wohl neben ihm sitzen.

5. Häusliche Verhältnisse.

Otto von Ungern erreichte ein Alter von 75 Jahren und starb am 15. Juli 1646. Sein Leichnam wurde in der Schloßkirche zu Hapsal begraben. Otto v. U. war dreimal verheirathet, doch kennt man den Namen der ersten Frau nicht genau. Seine Frauen waren:

1) — Wogreffe oder Vietinghof. Sie muß nm 1612 gestorben
sein,

a. Magdalena, gest. 1659. Sie heirathete 1631 am 21. Februar den General-Major Alexander von Essen, Herrn auf Orrisaar und Naukschen, ehstl. Landrath, geb. 1594, gest. 1664 am 1. October.

2) 1614 März 14. Anna Herkel, Tochter Reinhold's zu Linden, Wwe. Joachim Fersen's.

3) 1626 Juli 24. Elisabeth von Uexküll, lebte 1656, Tochter Reinhold's zu Padenorm und Kosch und der Sophie Uexküll.

1. Otto VI., gest. 1666, s, C 82.

b. Sophie Elisabeth, gest. 1664. Sie heirathete Christoph Kursell, der 1673 Hakenrichter und Herr auf Sinnalep und Pargel war. c, Anna Magdalena, geb. 1630 am 30. März, gest. 1656 am 26. Juli in Frauenburg, begraben am 1. August in Elbing. Sie heirathete 1647 am 20. September den Obristen Johann von Rosen, gest.1657, Herrn auf Schönangern und Riesenberg.

A 73. Wolmar IV, Wolmar's III. (A 56) Sohn, f 1601.

Er besaß Orellen 1599 und mußte einen Reiter von Röstjerw (Orellen) stellen. Mit seinen Brüdern erschien er vor der Revisionscommission und producirte die Urkunden von 1430, 63 und 65 über den alten Besitz von Orellen und Gedoa.

Wolmar blieb auf polnischer Seite und focht 1600 gegen Herzog Karl, während sein Bruder Otto unter dessen Banner stand. Er scheint im Jahre 1601 im Kriege gefallen zu sein. Ob er 1600 in Ehstland ansäßig gewesen, ist fraglich.

Seine Gemahlin war Anna v. Tiesenhausen, Tochter Johann's von Tiesenhausen auf Vetal und der Anna Tuve.

Kinder hat er nicht hinterlassen.

A 74. Georg IX., Otto's IV. (A 57) Sohn, auf Naukschen, starb. c. 1592.

Die drei Söhne Otto's IV. von Ungern, Freiherren zu Pürtel, besaßen ihr Erbgut gemeinschastlich, wenigstens solange die Mutter, Anna Gutslev, noch lebte, die um 1600 starb. Nachher scheint ein Bruder nach dem andern Pürkel innegehabt zu haben, bis es zuletzt dem jüngsten, Wolmar (A 76), zufiel.

Georg hatte noch zu Lebzeiten seines Vaters das Gut Schwarzenbrunn, später Naukschen genannt, von der Wittwe Fürstenberg gepfändet und sollte nach des Vaters Tode Pürkel antreten. Er starb aber schon vor 1592, also in der Blüthe seiner Jahre, wie es scheint, eines gewaltsamen Todes. Denn in dem Verzeichniß der Urkunden in der Brieflade zu Pürker findet sich ein undatirter Kirchensühnbrief zwischen den Gebrüder von Ungern zu Pürkel „in entleibung ihres Brudern Jürgen v. U. auf Pürkull von Philip Orgieß".

Georg's Wittwe, die ein Söhnchen hatte, verlangte für dieses die Freiherrschaft Pürkel, was ihr nicht zugestanden werden konnte, weil sein Valer dieselbe nicht einmal besessen hatte. Die Wittwe führte die Klage bis vor den König Sigismuud III, der am 16, October 1592 eine Commission von vier Edelleuten ernannte, an deren Spitze Georg Aderkaß stand, und diesen Streit zu untersuchen und zu ordnen.

Johann von Ungern (A 75), der die Sache für seine Mutter gegen seine Schwägerin führte, verglich sich 1595 mit ihr dahin, daß ihr Allendorff und Vogelsang für ihr Eingebrachtes übergeben wurde. Da ihr Sohn bald nachher starb, vermachte sie Allendorp ihrem Schwager Wolmar (A 73) dergestalt, daß er an Anna, die Tochter ihrer leiblichen Schwester (Judita von Twiveln B 53) 5000 Mark rig, auszahlen sollte.

Ihre Güter hatte sie 1602 durch den Krieg verloren und befand sich in großer Noth, in welcher sie nebst ihrer Schwester Edde (Patkull) einen Zufluchtsort auf dem Schlosse Hapsal fand. Nachher begab sie sich nach Schweden und erhielt in Westerärs freien Unterhalt. Gustav Adolf gab ihr dafür 1618 am 5. November im Kirchspiel Barckare 4 1/2 Höfe mit den Renten, wofür sie auf die Verpflegung in Westerars verzichten mußte.

Seine Gemahlin Katharina von Zweifeln starb vor 1633. Sie war die Tochter des Diouysius von Twiveln und der Margaretha von Overlach. Ihre Schwestern waren Judita, Heinrich's VI, v. U. (B 58) Frau, und Edde, die an Jürgen von Patkull (gest. vor 1602) verheirathet war. Ihr Sohn erreichte nicht das mündige Alter.

A 75, Johann IX., Otto's IV. (A 57) Sohn, auf Pürkel und Korsäter 1613.

Er scheint schon 1573 in polnische Dienste getreten zu sein; dann hatte er für seine Mutter 1592 den Prozeß gegen seine Schwägerin geführt und mit ihr sich 1595 verglichen. Er war bereits 1590 verheirathet, denn in diesem Jahre wurde seine Tochter Anna geboren, Im Jahre 1599 vertrat Johann die Rechte der Erben Otto's von Ungern an Pürkel vor der Revisionscommission. In demselben Jahre wurden von Pürkel drei Reiter zur livländischen Adelsfahne gestellt. Wahrscheinlich war damals Johann der Besitzer von Pürkel, welches aber noch immer Otto's Erbgut genannt wird. Mit der Adelsfahne zog er auch gegen den Herzog Karl aus und blieb sein Leben lang dem Könige Sigismund treu, trotz aller Schandthaten, die die Polen in Livland verübten. Unter den polnischen Truppen, welche der Obrist Gonsiewsky 1609 gegen Jakob De la Gardie befehligte, war auch ein Ungeren, Anführer von 80 Reitern, wahrscheinlich Johann.

Als endlich 1613 ein Waffenstillstand zwischen Polen und Schweden zu Silms bei Dorpat geschlossen wurde, war Johann v. Ungern einer der Gesandte Polens, die Wolmar u. Fahrensbach dorthin begleiteten.

Seine Gemahlin Anna von Kersbrock, Tochter Detlof's von K. und der Dorothea von Kamun, war 1621 25/9 Wittwe.

Seine Tochter war Anna Maria, die 1665 Hausfrau des Magnus Wolffeldt, Statthalters zu Pernau, war und von dem Grafen Magn. Gabriel De la Gardie Kailes im Ksp. Jacobi kaufte.

Vielleicht war auch Haus von Ungern, der 1615 in Pernam seinen Bürgereid leistete, ein Sohn Johann's

A 76. Wolmar V., Otto's IV. (A 57) Sohn, Freiherr zu Pürkel, gest. 1645.

Er trat jung in polnische Dienste und hatte sich so ausgezeichnet, daß König Sigismund III. der nach Livland gesandten Revisionscommission am 20, März 1599 Ordre ertheilte, aus den der Krone zufallenden Gütern den edlen Wolmar von Ungern wegen seiner treuen Dienste wohl zu versorgen. Als König Sigismund am 3. October 1600 die livländische Adelsfahne gegen die in Livlaud eingefallenen Schweden aufbot, folgten derselben die Brüder Johann und Wolmar von Ungern und halfen den glorreichen Sieg bei Wenden mit erkämpfen. Als aber die Polen, statt dem Herzoge K a r l nach Ehstland zu folgen, sich in Livland allerlei Greuelthaten hingaben, trennten sich die Brüder, und Wolmar trat mit seinen Veiwandten Heinrich von Ungern zu Ibden (B 48) und Reinhold von Ungern zu Assoten (B 51). nebst vielen anderen Livländern zu den Schweden über, worauf sie dem Könige Karl IX. auf allen seinen Feldzügen folgten. Wolmar begleitete 1611 Jakob De la Gardie auf seinem Zuge gegen Nowgorod, worauf ihn der Feldherr zum Commandanten der von Ewert Horn kurz vorher eroberten Festung Gdow ernannte. Als Michael Romanow aber 1613 zum Zaren erwählt worden war, stürmten die Russen Gdow. Die kleine Festung wurde nach hartnäckiger Gegenwehr erobert, und die schwedische Besatzung niedergehauen. Nur der Commandant Wolmar V. von Ungern mit seinem siebenjährigen Sohne Wolmar VI.(F 83) und einem Kapitän wurde verschont und gefangen nach Pleskau geführt. Nachdem Gustav Adolf 1614 Gdow wieder gewonnen und 1615 die Russen bei Pleskau geschlagen hatte, wurde Wolmar durch den Feldmaischall Ewert Horn ausgewechselt.

Am 24. September 1616 erhielt Wolmar von Ungern die Confirmation auf das 20 Haken große Taybel bei Hapsal. Tönnis Maydell nämlich, dessen Wittwe an Wolmai v. U. nachmals verheirathet war, hatte der Krone einst 3000 Rthl. vorgeschossen, und es war ihm 1601 am 20. November als Pfand das Gut Taybel eingeräumt worden.

Als Pernau am 7. August 1617 von den Schweden erobert worden war. bei welcher Gelegenheit Heinrich v. Ungern zu Fistehl (B 63) fiel, wurde Wolmar von Ungern zum Statthalter daselbst eingesetzt und avancirte 1619 zum Obristen zu Pferde. 1622 ertheilte ihm Gustav Adolf das Gut Ibden, welches einst Heinrich IV. von Ungern (B 48) besessen hatte, und da der Bischof Otto Schenking einen Theil des Gutes, nämlich die Rebbing'sche Wacke, zum Gute Ottenhof gezogen hatte, so beschwerte sich Wolmar darüber 1624 und 26 bei der Revisionscommission, doch, wie es scheint, ohne Erfolg. Im Gebiete von Hapsal waren ihm ferner pfandweise drei Haken Landes eingewiesen, aus welchen ihm im Jahre 1629 die Bauern 30 Rth. zu zahlen hatten. Auch machte er auf Koddiack Anspruch, weil sein Vater einst eine Zahlung geleistet, die auf dieses Gut verschrieben war. Kersten von Rosen, dem 1626 Koddiack gehörte, zahlte ihm daher am 1, August die ausgelegten 500 Gulden zurück; auf die Zinsen seit 1568 wird Wolmar wohl verzichtet haben.

Nach dem Tode seines Bruders Johann trat Wolmar v. Ungern Pürkel an, und als auch der Sohn seines Bruders Georg gestorben war, überließ ihm dessen Wittwe Katharina von Zweifeln auch Allendorf und Vogelsang unter der Bedingung, daß er ihrer Schwestertochter Anna von Ungern (B 53 a) bei ihrer Verheirathung 5000 Dahler rig. auszahlen solle. Als diese nun 1633 Jakob von der Pahlen zu Dickeln heirathete und Katharina von Zweifeln bereits gestorben war, verglich sich Ungern mit Pahlen wegen dieser Auszahlung am Johannistage 1633.

Am 5. September 1636 überließ Wolmar von Ungern Ibden als Erbtheil seiner Tochter seinem Schwiegersohne, dem Major Otto v. Oerten, der ihm außerdem noch 100 Thaler auszahlte. Bald nachher trat Wolmar zu Seppküll als Zeuge auf und vereinbarte sich mit seinem Nachbar, dem Arrendator von Eichenangern, über die Gränzen von Pürkel.

Wolmar V. v. Ungern, starb 1645 im Alter von etwa 75 Jahren. Seine Gemahlin Magdalena von Lieven, Wittwe von Tönnis Maydell, war die Tochter Reinhold's von Lieven zu Parmel, Soinitz und Stenhusen und der Margaretha Fahrensbach.

1. Wolmar VI. (F 83), gest. 1667.

a. Eine Tochter heirathete den Major Otto von Oerten, dem sie Ibden mitbrachte.

2.(?) Otto, der 1618 in Frauenburg beerdigt wurde, ist wohl eher ein Sohn Johann's VII. (A. 55, 3).

b. Anna, geb. 1590, war zehn Jahre lang Kammerfraulein bei der Fürstin Katharina, Gemahlin des Pfalzgrafen Johann Kasimir und starb am 3. Mai 1680 auf Tomtaholm. Sie heirathcte am 29. November 1620 auf Stegeborg den späteren Obristen Salomon von der Osten-Sacken, Otto's Sohn, geb. 1593, gest.1667 am 24. März, Herrn auf Eullestadt und Korsäter, der 1636 Commandant von Dömitz war und in seinem Familiengrabe bei der Kirche zu Husby beerdigt ist.

A 77. Richard I., Fabian's II. (A 58) Sohn, gest.c. 1620.

Da bisher über Fabian's Söhne nur dürftige Nachrichten bekannt waren, so sind Georg, Gerd (?) und Hermann schon bei der Lebensbeschreibung des Vaters kurz berücksichtigt. Auch über Richard ist erst aus dem Königsberger Archiv Näheres ermittelt worden.

Er war 1599 noch minderjährig, da Georg von Ungern (A 71) für ihn und seine Geschwister Eichenangern verwaltete. Da er in nothwendigen Geschäften und auf die Bitte seiner Blutsverwandten eine Reise nach Deutschland zu machen wünschte, stellte ihm der Statthalter von Reval, Graf Moritz Lejonhufwud, am 17. September 1602 einen Paß dahin aus. Vielleicht hing diese Reise mit der Verhandlung über den Tod des Jorgen Blume durch Richard's Bruder Georg zusammen.

Seine Reise ging nach Preußen, wo ihm mehrere Verwandte, namentlich sein Vetter Hans (A 54, 1) mit seinen Schwestern, lebten. Der Kerzog Joachim Friedrich von Brandenburg, der damals für seinen Schwiegervater Albert Friedrich die Regentschaft in Preußen führte, nahm ihn freundlich in seine Dienste auf, in welchen er fast zwei Jahre verblieb, worauf er in den Militärdienst ging. Da er durch ein Augenleiden sich veranlaßt sah, seinen Abschied zu nehmen, seine Rückkehr nach Livland aber durch die kriegerischen Verhältnisse daselbst gehindert wurde, so ließ er sich am 22. Juli 1695 von dem Regenten Preußens ein Zeugniß ausstellen, in welchem er wegen seines Wohlverhaltens am Hofe und in Kriegszügen Jedermänniglich empfohlen wurde. Auf Grund dieses Attestats bat er am 10, December 1605 um Unterstützung oder, da es sich jetzt mit seinen Augen gebessert habe, um Wiederanstellung. Seine Bitte scheint Erhörung gefunden zu haben, wenigstens blieb er im Lande und war vor 1617 verheirathet, doch kennt man den Namen der Frau nicht. Eins seiner Kinder starb jung, auch verlor er bald seine Frau, die in der Kirche zu Ouedenau beerdigt werden sollte. Doch mußte er einen besonderen Befehl an den Pfarrer daselbst, der wahrscheinlich Einwendungen dagegen erhoben hatte, erwirken, daß er es ohne Weigerung geschehen lasse und auch bei den Kirchenvätern (Vorstehern) sich dafür verwende, daß er mit ungebührlichen Unkosten verschont werde.

Bald nachher heirathete er wieder, und zwar die Margaretha Mutschiedler, starb aber schon 1620 an der Pest. Die Wittwe gerieth mit ihren kleinen Kindern, die wohl zum Theil aus der ersten Ehe sein mochten, in die bitterste Noth, da ihr auch die Wohnung gekündigt war. Sie wandte sich deshalb an die herzogliche Regierung mit der Bitte, ihr monatlich vier Gulden (10 Sg.) zu Miethe und Kost und zwei Karnickel (Karren voll) Holz auf Lebenszeit zu bewilligen; doch wurde dies Gesuch abgeschlagen. Sie fand später Gelegenheit, sich wieder zu verheirathen, und bat deshalb für die Kinder ihres Mannes um Vormünder, die ihr auch am 2. Mai 1622 bewilligt wurden. Die Namen der Kinder werden nicht genannt, auch ist nicht bekannt, ob Elisabeth, die spatere Erbin von Eichenangern, aus Richard's erster oder zweiter Ehe stamme und wann sie wieder nach Livland zurückgekehrt sei. Ihre Mutter, sei es, daß aus der Heirath Nichts geworden oder ihr zweiter Mann wieder gestorben war begleitete sie und suchte ihre Ansprüche an Eichenangern gegen Wolmar von Ungern (F 83) geltend zu machen, weshalb dieser sie am 4. Mai 1647 vor das königliche Hofgericht zu Dorpat citircn ließ.

Eichenangern, welches in polnischer Zeit eingezogen gewesen, hatten nach dem Tode der Brüder zwei Töchter Fabian's inne, nämlich Gertrud, Wittwe H. Wrede's und J. Berendes' (gest. 1623), und Elisabeth, die ebenfalls ihre beiden Männer R. Treiden und Jost Clodt von Jürgensburg (gest. 1621) überlebte. Ihnen war in den durch Gustav Adolf's Eroberung wiedergewonnenen friedlichen und geordneten Zuständen das väterliche Gut bestätigt worden. In ihrem Testamente vom 15. Juli 1639 setzten dieselben ihre Nichte (vetterken) Elisabeth, Richard's einzige Tochter zu ihrer Erbin ein, doch unter der Bedingung, daß sie sich standesgemäß verheirathe, welches Testament die Königin Christinn am 20. November 1647 bestätigte.

Da nun Elisabeth 1649 den Major Wolter Stackelberg heirathete, so wurde diesem am 20. August 1649 Eichenangern confirmirt, doch gerieth er bald mit seinem Nachbar Wolmar von Ungern (F 83) auf Pürkel in so heftige Gränzstreitigkeiten, daß dieselben zuerst zu gegenseitigen Beleidigungen und dann zu einem Duell führten, worüber das Nähere in Wolmar's Lebensgeschichte berichtet werden soll.

Richard's Gemahlinnen waren also:

1. N.N., gest. 1617, beerdigt zu Quedenau in Preußen. Sie hatte mehrere Kinder, von denen eins schon vor ihr starb. Die Namen derselben sind nicht bekannt, vielleicht war unter ihnen Elisabeth, s. A 77 a.

2. 1618 Margaretha Mutschiedler (Mutzler), welche sich 1622 wieder verheirathen wollte und 1647 in Livland sich befand.

a. Elisabeth. Sie heirathete 1649 den Major Wolter Stackelberg von Hallinap, dem 1649 am 20. August Eichenangern bestätigt wurde. Er war 1680 Landrath und starb 1691 am 10. October.

B 78. Gottschalk III., Johann's VIII. (B 61) Sohn, Rittmeister, Pfandherr auf Wallhof, 1656.

Aus einer auf dem Gute As in Södermanland aufgefundenen Ahnentafel geht hervor, daß Gottschalk's Vater Johann VIII. auf Limehn gewesen sei, während man ihn früher als Sohn Gottschalk's II. betrachtete. Er scheint der Stammvater der Herren von Sternberg, genannt Ungern, zu sein, die bis zum Anfange dieses Jahrhunderts in Kurland existirten.

In dem Berichte über ein Gefecht bei Erla 1628 wird ein Rittmeister von Ungern genannt, der unter dem Obristen Korff im polnischen Heere diente, aber bei der Annäherung der Schweden mit seinem Fähnlein sich eiligst zurückzog.

Ferner wurde 1633 ein königlicher Rittmeister Gottschalk von Ungern wegen seiner Bauern nach Mitau citirt, und 1636 am 25. Februar wurde zu Wilda eine Entscheidung seines Streites mit Fromhold von Tiesenhausen getroffen.

Im Jahre 1656 pfändete der Rittmeister Gottschalk III. von Sternberg, genannt Ungern, von dem Herzoge Jakob von Kurland das Gut Wallhoff nebst Buschhoff für 30000 Gulden poln., die er richtig in Dukaten, Reichsthalern und Löwenthalern eingezahlt hatte.

Interessant ist es, daß Gottschalt v. U. sich 1656 schon Sternberg nennt, da erst drei Jahre früher drei Stammesvettern von ihm sich diesen alten Stammnamen von der Königin Christina hatten renoviren lassen. Hierzu war er auch vollständig berechtigt; dagegen hatte er nicht das Recht sich den Freiherrntitel beizulegen. Er war 1663 schon gestorben, da seine Wittwe damals über 400 Gulden eine Obligation ausstellte und 1664 über den in Bauske wohnhaften Quartiermeister Dickmann zu klagen hatte.

Ob und wie Anna von Ringe Muth, Wittwe von Ungern-Sternberg, mit Gottschalk III. verwandt war, steht dahin. Vielleicht war sie die Wittwe des vor 1638 bei Schau wohnhaften Mattis Ungern, dessen Hingehörigkeit ebenfalls unbekannt ist.

Gottschalk heirathete Elisabeth Magdalena von Grotthusen, die 1663 Wittwe war und 1677 starb, Tochter des Johann Gr. auf Ruhendal und der Anna Dorothea Nolde von Hasenpot, Wittwe 1635.

1. Nikolaus VI., s. B 84.

2. 3. (?) Gerhard und Gottschalk, wahrscheinlich Brüder des Nikolaus s. 78. 2. 3.

a. Katharine Agathe, heirathete vor 1684 Joh. Berthold v. Fölkersam.

b. Anna Dorothea, Wittwe 1683, heirathete Wolf Heinrich v. Anrep, Herrn auf Korkull und Walk, Obristen der livländischen Adelsfahne, der bei Groß-Essern 1679 am 14. Februar fiel.

B 78, 2. Gerhard, Gottschalk's III. (B 78) Sohn, 1672.

Von diesem Sohne Gottschalk's ist weiter Nichts bekannt, als daß er nebst seinem Bruder Nikolaus (B 84) zu Doblen wegen Gewaltthätigkeiten und Gränzbeeinträchtigungen von Friedrich Johann v. Kievelstein beim Herzoge im Mai 1672 verklagt wurde. Im Jahre 1675 scheint Gerhard nicht mehr am Leben oder wenigstens nicht im Lande gewesen zu sein.

B 78, 3. Gottschatk, Gottschalk's III. (B 78) Sohn, 1675.

Um 20. Mai 1675 schlossen die Brüder Gottschalk und Nikolaus (B 84) einen brüderlichen Vergleich über das Gut Limehn und die dazu gehörigen Dörfer.

B 79. Thomas, Jan's X. (B 67) Sohn, auf Tadolino, 1641. 85.

Er trat das Gut Tadolino nach dem Tode seines Vaters an und reichte dessen am 7. November 1641 ausgestelltes Testament am 5. December in dem Burggerichte von Witebsk ein. Er war damals Unterkämmerer der Woiwodschaft Witebsk und machte sein Testament am 5. Januar 1685.

Seine Gemahlin war: Warwara, Gräfin Plater.

1. Simon, s. B 85.

B 80. Nikolai V., Jan's X. (B 67) Sohn, Geistlicher, 1685.

Er erbte nach dem Testamente seines Vaters von 1641 am 7. November 10000 Poln. Gulden, die ihm sein Bruder auszuzahlen hatte, und starb in Posen als Prälat.

B 81. Reinhold V., Fabian's III. (B 68) Sohn, Freiherr Ungern-Sternberg, Obristlieutenant, Herr auf Klein-Lechtigall, Kiwidepä und Hohenfors, geb. 1618, gest. 1683.

1. Zeitverhältnisse.

Indem Ehstland sich 1561 dem damals im Norden dominirenden Reiche Schweden anschloßt glaubten die Stände des Landes, aus den der Auflösung des Ordensstaats vorangehenden Wirren zu ruhigem Genusse glücklicher Friedensjahre zu gelangen. Doch nicht so schnell war dies Ziel erreicht, denn die politischen Verwickelungen und die Thronstreitigkeiten in Schweden machten auch in den Provinzen ihre nachtheiligen Wirkungen auf's Herbste fühlbar.

Der Anfang der Regierung Erich's XIV. erregte die schönsten Hoffnungen. Als aber sein Mißtrauen gegen seinen Bruder Johann und seine treuesten Räthe sich bis zu offenbarem Wahnsinn steigerte, wurde seine Absetzung (1568 am 29. September) zur Nothwendigkeit, und er endigte sein Leben elend in der Gefangenschaft zu Orbyhus am 26. Februar 1577.

Nach Johann's III. (gest. 1592 am 17. November) Regierung, welche durch seine katholische Neigung und durch die Kriege mit Rußland viel Mißvergnügen und Noth veranlaßt hatte, erbte Sigismund III., Köniq von Polen, auch die Krone von Schweden, gerieth aber bald in heftigen Streit mit seines Vaters jüngstem Bruder Karl, Herzog von Südermanland.

Die langwierigen Kriege, welche daraus entstanden, kosteten Tausenden das Leben und brachten besonders Ehstland und Livland, als dem Schauplatze dieser Kämpfe, das bitterste Weh, das noch durch die furchtbare Hungersnoth und Seuche 1602 gesteigert wurde. Doch schloß sich, veranlaßt durch die Rohheit der polnischen Truppen, die jesuitischen Umtriebe der Geistlichkeit und die Wortbrüchigkeit der Regenten, der grüßte Theil Livlands dem Herzoge an, der ungeachtet mancher Niederlagen und seiner oft rücksichtslosen Strenge doch durch seine unermüdliche Energie, seinen Eifer für die protestantische Lehre und seine ernsten Bemühungen, Ordnung und Recht im Lande aufrecht zu erhalten, bald die Sympathien seiner Unterthanen zu erwerben wußte. Die Stände Ehstlands gelobten ihm schon am 18. August I600 Gehorsam und Treue, in Schweden wurde er am 6. Februar 1604 zum Könige gewählt und 1607 am 15. März zu Upsala gekrönt.

Auch mit seinem Tode (1611 am 30. October) hörte der Krieg mit Pole nicht auf, und in den Zeiten des Waffenstillstandes hatte der neue König Gustav Adolf mit Rußland zu kämpfen, welches er zu dem vortheilhaften Frieden zu Stolbowa (1617 am 27, Februar) zwang. Kaum war im Osten die Ruhe errungen, so wandte er sich wieder gegen Polen, nahm 1617 am 7. August Pernau, 1621 am 16. September Riga und am 3. October Mitau, 1622 am 4. Januar Wolmar und 1625 am 27. Juni Dorpat, womit das ganze Land seiner Botmäßigkeit unterworfen war. Dem weiteren Kampfe machte endlich der Waffenstillstand zu Stumsdorf (1629 am 26. September) vorläufig ein Ende und gestattete dem Heldenmüthigen Könige, zur Vertheidigung seiner Glaubensgenossen (1630 am 24. Juni) in Pommern zu landen und gegen Tilly und Wallenstein siegreich zu kämpfen, bis der Tod seinem ruhmgekrönten Feldzuge in der Schlacht bei Lützen am 16. November 1632 ein Ende machte.

Unter ihm und seinem Vater haben verschiedene Männer aus der Familie Ungern ruhmvoll mit Aufopferung ihres Lebens, ihrer Freiheit und ihrer Güter gekämpft. Von ihren Königen wurden sie wegen ihrer treuen Dienste oder wegen verlorener Besitzungen mit Ehren gekrönt und mit Land und Leuten begabt. Andere blieben ihrer Güter wegen auf polnischer Seite und waren Gegner der schwedischen Waffen.

Der Heldentod Gustav Adolf's war der Anfang einer für Schwedens politische Stellung glänzenden, für sein Reich aber verderblichen Periode. Die lange Vormundschaft für seine damals erst vierjährige Tochter und ihre eigene Regierung von 1644 den 7. December bis 1654 den 6. Juni legte den Grund zu bedenklichen Unordnungen und einer gänzlichen Ver-armung des Landes. Die fast ununterbrochenen Kriege forderten stets neue Opfer an Geld und Menschen; der unter Gustav Wasa gewonnene Wohlstand wurde untergraben und das Reich entvölkert. Dem sonst so angesehenen Bauernstände wurden seine Rechte und Besitzungen immer mehr geschmälert, während die mit einer langen Ahnenreihe prangenden und durch reiches Grundeigenthum mächtigen Adelsgeschlechter, so wie habgierige Hofleute und Beamte sich immer neue Lehngüter und einträgliche Bestallungen zu verschaffen wußten. Der Geldmangel zwang die Regierung, für geleistete Dienste oder Vorschüsse die Kronsgüter, besonders in den neuerworbenen Provinzen zu verschenken und auf längere oder kürzere Zeit zu verlehnen.

Aus denselben Gründen und um ihren Hof mit mehr Glanz und Ansehn zu umgeben, verlieh Christina verdienten Männern den Adel und creirte Freiherren und Grafen in großer Zahl. Während ihrer kaum zehnjährigen Regierung kamen zu den drei seit Erich's XIV. Zeit ernannten Grafen noch 18, zu den neun Freiherren 46 und zu den 318 Adelichen noch 330 neu nobilitirte oder naturalisirte (anerkannte) Edelleute. Die glänzenden Hoffeste und die an begünstigte Hofleute verschwendeten Geschenke hatten den Schatz so geleert, daß ihr Nachfolger im Schlosse zu Stockholm nur ein tapeziertes Zimmer und ein einziges Bett vorfand, und beim Krönungsmahle die Vornehmsten von geliehenem Silber, die Geistlichen und Bürger von Zinn speisen, die Bauern ohne Tischtücher aus Holzschüsseln essen mußten. Den verständigen Maßregeln der ausgezeichneten Staatsmänner und Feldherren aus Gustav Adolf's Schule, wie Oxenstjerna, De la Gardie, Banér, Torstenson und Wrangell, war es zu danken, daß nicht ein vollständiger Staatsbankerott ausbrach und durch die Friedensschlüsse zu Blömsebro (1645 am 13. August) und Osnabrück (1648 am 14. October) Schweden noch einige Provinzen gewann.

Durch Christina's freiwillige Entsagung (1654 am 6. Juni) wurde ihr Vetter, Karl X. Gustav von Pfalz-Zweibrücken, König von Schweden. An seinen kühnen Feldzügen gegen Polen und Dänemark nahmen besonders Reinhold V. (B 81) und Otto VI. (C 82) Barone Uugern-Sternberg Theil, auch Wolmar VI. (F 83) diente unter ihm in Livland. Das fast fabelhafte Glück, welches den König bisher überall begleitet hatte, machte ihn übermüthig und verleitete ihn, den so vortheilhaften Frieden zu Raeskilde zu brechen und 1658 am 8. August den Krieg mit Dänemark aufs Neue zu beginnen. Durch diese Wortbrüchigkeit entrüstet vertheidigte König Friedrich III, von seinem tapferen Volke kräftig unterstützt, seine Hauptstadt so entschieden und erfolgreich, daß die Schweden sich 1659 am 11. Februar mit großem Verlust zurückziehen mußten. König Karl, der bisher nur an Siege gewöhnt war, mußte jetzt zuerst erfahren, daß die Liebe zu König und Vaterland auch ungeübten Bürgern und Studenten eine Kraft verleiht, die selbst bewährten Truppen mit Ehren und Erfolg zu widerstehen lehrt. Die hochfliegenden Pläne des Königs, der die drei Kronen der nordischen Reiche auf seinem Haupte zu vereinen, Polen zu theilen und Preußen für Schweden zu gewinnen dachte, waren zertrümmert, und an Leib und Seele gebrochen zog er sich nach Göteborg zurück, wo er nach kurzer Zeit (1660 am 13. Februar) starb. Sein einziger Sohn Karl war ein Kind von vier Jahren, und das Reich mußte wiederum (bis 1672 am 18. December) den Vormündern unter dem Vorsitz seiner Mutter Hedwig Eleonora (gest. 1715) anvertraut werden.

2. Jugendzeit und erster Dienst.

Reinhold war kaum fünf Jahre alt, als sein Vater im kräftigsten Mannesalter starb. Seine Mutter, Anna Kursell, kaufte das Gütchen Kesso bei Hapsal, eine früher dem Domdekan in Hapsal zustehende Präbende, die Roloff Treiden von Heinrich Koch 1599 am 4. Juni für 500 Rth. eingelöst und daselbst auf zwei Haken eine Hoflage angelegt hatte. Hier scheint Reinhold in ländlicher Stille erzogen zu sein. Schon in früher Jugend trat er 1630 als Page in den Dienst seines Onkels, des Rittmeisters Robert von Rosen zu Sage, der ihn mit nach Deutschland nahm, als er Gustav Adolf in den dreißigjährigen Krieg folgte. Nachdem der große König 1632 bei Lützen gefallen war, trat Reinhold als fünfzehnjähriger Knabe schon selbständig in die schwedischweimarsche Armee ein und kämpfte unter dem Herzoge Bernhard von Weimar bis 1638. Auf den Wunsch seiner Mutter kehrte er heim und trat Kidepäh und Hohenfors an. Damals hielt er sich in Reval auf und trat 1639 als Bruder in die Gesellschaft der Schwarzenhäupter ein, welcher er 1640 ein Geschenk von 4 Rd. machte.

Durch seine Heirath mit Dorothea von Aderkas wurde er Besitzer von Kein-Lechtigall, denn ihr braver Vater Jürgen war mit Gustav Adolf bei Lützen gefallen, und bald darauf verlor auch sein einziger Sohn im Kriege sein Leben, während ihre Mutter Dorothea von Sacken bis 1667 am 14. Januar lebte.

3. Güterbesitz.

a. Klein-Lechtigall. Da Reinhold's Schwiegermutter, Dorothea von der Osten, genannt Sacken, der Besitz der Güter ihres verstorbenen Eheherrn 1636 am 9. August auf Lebenszeit confirmirt und auch nach ihrem Tode ihren Töchtern noch auf drei Jahre zu behalten gestattet war so vereinbarte er sich mit ihr auf das Freundschaftlichste über die Erbschaft. Klein-Lechtigall war nämlich schon 1592 vom Könige Johann III, dem Franz Treiden als Pfand gegeben worden für eine Summe von 1000 Rth. die ihm für drei gefangen eingebrachte russische Bojaren versprochen war. Der Herzog Karl gestattete 1600, das Gut an Wolter Uexküll zu cediren, und dieser übertrug es 1623 auf Jürgen Aderkas, dem es Gustav Adolf 1624 am 19. Mai nebst Järfer und Rodia coufirmirte. Da aber in der Coufirmationsurkunde ausdrücklich bestimmt war, daß nur dann die Töchter Jürgen's auf das Gut Anspruch macheu könnten, wenn sie mit solchen Männern berathen würden, mit welchen der König zufrieden sei, so bedürfte es einer besonderen Genehmigung für Reinhold v. Ungern um sich den Besitz des Gutes zu sichern. Dies geschah, nachdem schon 1661 der damals noch lebenden Wittwe die Confirmation aufs Neue versichert war, durch Karl XI. 1680 am 11. Ottober für Reinhold und seine bei-den Sohnes von denen Jürgen Reinhold es nach einer Vereinbarung mit seinem Bruder übernahm, da es ihm zur Arrende gegeben wurde und nach der Reduction auf seine Nachkommen vererbte.

b. Hallick. Schon 1619 hatte Gustav Adolf dem Jürgen Aderkas Kollenäsby und Hösby im Kirchspiel Nuckö eingeräumt und 1624 noch Pasklep hinzugefügt. Auf den Wunsch des Reichskanzlers Magnus Gabriel Grafen De la Gardie vertauschte die Wittwe 1661 diese Güter gegen Hallick im Ksp. Röthel, welches nach seinen früheren Besitzern Klaus und Hinrich Hamborg auch Hamburg's Gut genannt wurde. Doch mußten noch die darauf lastenden Schulden mit 1500 Rth. an Reinhold Lieven abgezahlt werden. Dagegen versprach der Graf. jährlich aus dem Schlosse Hapsal 100 Rth. zu entrichten. Reinhold verabredete nun mit seiner Schwiegermutter daß sie das Gut Hallick ungeschmälert mit allen Intraden besitzen solle, so lange sie lebe. Auch wolle er ihr die 100 Rth. Sp.aus dem Schlosse verschaffen oder jährlich aus eigenen Mitteln zahlen Wenn es ihr aber nach Verlauf eines Jahres nicht gefiele, das Gut zu behalten so werde er ihr jährlich 300 Rth. entrichten nebst drei Tonnen gesalzener Fische und 10000 „dröger" Strömlinge. Ferner solle sie auch das Recht haben, Bier und Branntwein am Strande zu verkaufen und dafür Fische einzutauschen.

Reinhold vereinigte Hallick mit seinem nahe gelegenen Gute Kiwidepä,

zu dem es noch jetzt als Hoflage gehört, und vereinbarte sich mit seinem' Nachbar, dem Major Heinrich von Kursell auf Berghof, wegen der Gränzheuschläge und der Zaunwege, worüber mehrmals Streitigkeiten ge-wesen waren.

c. Kiwidepä. Von seiner Mutter Anna Kursell hatte Reinhold auch das alte Erbgut Kiwidepä im Kirchspiel Rüthel am Strande der Einwiek geerbt, welches schon 1593 Heinrich Kursell innegehabt hatte. Wegen des reichen Fischfangs, zu welchem sich im Frühjahr und Herbst oft Hunderte von einheimischen Fischern versammeln, die in dem flachen Wasser in Netzen und beim Scheine von Feuerbränden durch Harpunen ihre Beute zu gewinnen suchen, ist Kiwidepä ein sehr einträgliches Gut, da der zehnte Fisch dem Gutsherrn abgeliefert werden muß. Zum Ankauf frischer Fische eilen deshalb auch die Bauern aus dem Innern des Landes in großer Zahl herbei, so daß auch der Verkauf von Bier und Branntwein zu solchen Zeiten die Revenüen nicht unbedeutend erhöht. Eine Hinderung dieser Fahrten der Bauern durch Veränderung der Pforten durch den Major Hinrich Kursell von Berghof gab 1671 Anlaß zum Streite, da der neue Weg sehr „gequöbbig" [weichsumpfig] und dem reisenden Manne unbequem war. Das königliche Manugericht entschied daher, daß der alte Weg am Strande wieder hergestellt werden und der Tännaw [Zaunweg] abgesetzt werden solle. Da sich ein Bauer aus Dagö unter Kidepä niedergelassen und „befreiet" [verheirathet] hatte, bat Reinhold den Herrn auf Dagö, Axel Julius Grafen De la Gardie, ihm denselben zn überlassen. Am 19. Mai 1654 schenkte ihm der Graf den Bauer mit seiner ganzen Habe. Durch die Reductionscommission wurde Kiwidepä der Krone zugesprochen doch den alten Besitzern zur perpetuellen Arrende überlassen. Um 1745 verkaufte Reinhold's Enkel Reinh. Axel Baron U.-St. das Gut an den Lt Knorring.

d. Assoten. Durch seinen Uebertritt zu der schwedischen Partei hatte Reinhold's Großvater Reinhold IV. (B 51) sein Gut Assoten in der Gegend von Kreuzburg verloren, war aber dafür in Finnland entschädigt worden. Der Feldzug Karl's X. gegen Polen brachte ganz Littauen in seine Gewalt, und auch das Gebiet von Kreuzburg wurde für das Reich Schweden gewonnen. Unter diesen Umständen beeilte sich Reinhold U.-St am 4. Juni 1655 den Schwager des Königs, Grafen M. G. De la Gardie der General-Gouverneur von Livland war, um ein Attestat zu ersuchen, daß er sich rechtzeitig zu seinem väterlichen Gute Assoten gemeldet habe. Das Zeugniß wurde ihm ertheilt, doch blieb es ohne Erfolg, weil Karl Gustav's Eroberungen nur zu bald wieder verloren gingen.

e. Hohenfors. Der Ersatz, welchen Karl IX. Reinhold IV. für das. verlorene Assoten gegeben hatte, bestand in dem Gute Hohenfors im Kirchspiel Ruokolax in Wiborglän in Finnland. Der Name ist freilich verschollen, hat aber sicher seinen Ursprung in dem jetzt so berühmten Wasserfall Imatra am Ausflusse des Saimasee's in einer romantischen Gebirgsgegend, in welcher neuerdings der Saimakanal angelegt ist.

Reinhold's IV. Sohn Fabian III. (B 68) scheint nicht die Zeit und Gelegenheit gehabt zu haben, diese Besitzung auch nur einmal naher in Augenschein zu nehmen; Reinhold V. dagegen, obwohl ihn seine Verhält-nisse an Deutschland und Ehstland fesselten, suchte so gut wie möglich diese Güter zu verbessern und tauschte daher von einem Edelmann, der in der Nähe besitzlich war, einige Bauern ein, wozu er 1654 in Stockholm den königlichen Consens zu erwirken suchte. Auch erhielt er 1662 am 1. August die Fischerei zu Sitoila im Gebiet von Wiburg.

Als er 1679 sein Testament gemacht und über seine Güter in Ehst-land disponirt hatte, zog er nach Finnland, um sein Gut, wo seine Väter im Exil gelebt, in Esse zu bringen. Er scheint nicht geringen Werth auf diefe Besitzung gelegt zuhaben, denn als Wolmai v. Ungern (F 83) ihm den Titel eines Freiherrn von Pürkel streitig machte, ging er mit dem Gedanken um, sich im Ritterhause zu Stockholm als Freiherr von Hohenfors introduciren zu lassen, was durch Vereinbarung mit seinem Vetter un-nöthig wurde.

Bald nach Reinhold's Tode wurde Hohenfors von der Krone einge-zogen, und alle Bemühungen der Söhne, das Gut von der Reduction zu befreien, waren vergeblich.

4. Der Freiherrnbrief 1653.

Reinhold v. Ungern war ein intimer Freund seines Vetters Otto auf Linden ((C 82), und als dieser sich 1652 die alten Familienpapiere von dem Statthalter Wolmar von Ungern zu Pürkel (F 83) geliehen hatte, um sie zu copiren, beredete sich Reinhold v. Ungern mit ihm, den alten Pürkel'schen Freiherrnbrief zu benutzen, um sich in den schwedischen Freiherrnstand aufnehmen zu lassen.

Abgesehen davon, daß Otto diese Documente zu keinem anderen Zwecke benutzen durfte, als wozu er sie von seinem Vetter entlehnt hatte, so war doch Reinhold entschieden nicht dazu berechtigt, sich auf diesen Freiherrnbrief hin baronisiren zu lassen, weil er nicht von Jürgen IV. von Ungern (A 40) zu Pürkel abstammte.

Ohne mit seinem Vetter Wolmar zu Pürkel deshalb Rücksprache zu nehmen, machten sich die beiden Vettern Otto und Reinhold mit dem alten Freiherrnbriefe nach Stockholm auf, baten die Königin Christina um Restitution ihres alten Freiherrnstandes und Stammnamens, und am 27. October 1653 gewährte Christina ihre Bitte, indem sie Wolmar VI. zu Pürkel, Otto VI. zu Linden und Reinhold V. zu Klein-Lechtigall nun auch zu Freiherren des schwedischen Reiches unter dem Titel: „von Ungern-Sternberg, Freiherren zu Pürkel" ernannte. Diese unbedachtsame Handlung hat den beiden Urhebern böse Früchte getragen. Wolmar von Ungern zu Pürkcl nämlich empfand dieses ihm angethane Unrecht sehr übel und schrieb höchst aufgebracht an Reinhold: Da sie mit seinen Documenten ohne sein Wissen ihn und sich in den schwedischen Freiherrnstand hätten aufnehmen lassen, so protestire er gegen das neuverbesserte Wappen und den Namen Sternberg. Auch verklagte er sie vor dem ehstländischen Oberlandgerichte, indem er seine vom Kaiser und Reich ertheilte Würde als deutscher Reichsfreiherr geltend machte und nicht unter die jungen schwedischen Barone gestellt werden wollte. Er gönne seinen Vettern, erklärte er, daß sie schwedische Reichsfreiherren geworden seien, aber dann könnten sie sich nach ihren Gütern Linden und Kiwidepä nennen, sollten aber seinen Namen aus dem Freiherrnbriefe weglassen. Reinhold, der sich gerade in Stockholm befand, antwortete ihm, am 22. August 1654 etwa so: Mit Verwunderung habe ich erfahren, daß die Bemühungen Otto's von Ungern wegen des Freiherrntitels dem Herrn Vetter mißfällig seien. Hätte ich geahnt, daß dadurch zwischen uns Zwiespalt entstehen würde, so wäre ich lieber in meinem alten Stande geblieben; aber ich glaubte, daß die ganze Sache mit dem Herrn Vetter verabredet sei und dazu dienen werde, die ganze Familie enger mit einander zu verbinden. Da ich nun des Herrn Vetters Ansicht kennen gelernt habe, will ich suchen, daß der Wappenbrief verändert und mir ein besonderer Brief ausgestellt werde, in dem ich mich Freiherr von Hohenfors nennen werde. Es ist aber in dem Briefe ausdrücklich festgesetzt, daß wir auch des deutschen Reiches Freiherren heißen, und ich kann mich schon nicht mehr von dem neuen Wappen und dem Namen Sternberg zurückziehen. Jedenfalls werden wir das Wappen nicht eher aufstellen lassen, bis wir die Einwilligung unferes Herrn Vetters erhalten haben.

Allmählich beruhigte sich auch Wolmar bei reiflicherer Ueberlegung, indem er bedachte, daß der Angriff auf seine Vettern auch eine Mißachtung der Ehre involvire, die ihm die Königin von Schweden doch hatte zukom-men lassen wollen. Da er 1661 selbst in Stockholm war, berichtigte er selbst die Kosten seiner Introduction auf die Freiherrenbank des Ritterhauses sub Nr. 54 mit 400 Dal. und besorgte die Aufstellung des freiherrlichen Wappens. Mit seinen Vettern aber einigte er sich am 24. Februar 1666 dahin daß sie ihr altes Hausrecht der gesammtenHand, welches ihnen Christina in dem Freiherrnbriefe mit bestätigt hatte, wieder aufrichteten. Otto und Reinhold räumten nämlich in ihren Gütern Wolmar dasselbe Erbrecht ein, welches die Königin den beiden Ersteren auf Pürkel confirmirt hatte. Reinhold sollte seine Güter zu Lehngütern machen und Otto seinem Vetter Wolmar für die Erlaubniß, sich Freiherr zu Pürkel zu schreiben, 1000 Rth. Species auszahlen. Die Zinse» für diese Summe sind auch wirklich einigemale berichtigt worden, die ganze Sache aber scheint nicht zur Ausführung gekommen zu sein, weil Otto und Wolmar bald darauf aus diesem Leben schieden.

Doch noch einmal wurde der Streit, und zwar in sehr gehässiger Weise, wieder aufgenommen, wodurch dem alten Baron Reinhold seine letzten Lebenstage verbittert wurden. Der General und Landrath O. W. von Fersen nämlich, der wegen des Prozesses mit Ungern nicht zum ruhigen Besitze von Fistehl gelangen konnte, behauptete, daß Reinhold durch Behändigkeit sich in den Besitz des Pürkel'schen Freiherrnbriefs gesetzt und ohne Recht sich in Schweden habe baronisiren lassen', ohne aus dem Hause Pürkel zu stammen. Dieses verletzte Reinhold so sehr, daß er sich nach Stockholm aufmachte und sich am 22. September 1681 von der Wittwe des Statthalters Wolmar v. Ungern, Sophia von Uexküll, das Zeugniß ausstellen ließ, daß er nie die alten Pürkel'schen Freiherrenbriefe mit Behändigkeit an sich gebracht habe, daß vielmehr ihr sel. Mann ihn stets als seinen Vetter angesehen habe, da sie beide aus Fistehl stammten. Auch habe ihr Mann dem Obristlt. Reinhold auf seine Bitte das Testament seines Eltervaters Jürgen von Ungern zu Fistehl (B 36) überlassen.

Damit ausgerüstet begab sich Reinhold nach Reval und ließ durch seinen Advocaten Gernet dem Landrath v. Fersen scharf antworten, was diesen wieder so aufbrachte, daß er bei dem Oberlandgericht den „ma-litiösen Conscribenten Gernet, dem die Ungern's eine große, verdächtige Familiarität gestatteten", verklagte und ins Gefängniß zu setzen bat. Das Oberlandgericht condemnirte am 30. Juni 1683 den Baron Ungern in 100 rhein. Gulden Strafe, weil er gegen Fersen einen zu scharfen Artikel des Landrechts citirt habe, in welcher Calumnianiten mit Todesstrafe bedroht werden, Gernet aber, der als Rechtskundiger die Sache hätte besser verstehen sollen, wurde nur durch Ungern's Caution vor der Haft geschützt, mußte aber dem General Fersen eine gerichtliche christliche Abbitte leisten. Der ursprüngliche Streit um Fistehl war auf diese Weise zu einem rein persönlichen geworden, und Fersen hörte noch nicht auf, das Recht auf den Freiherrntitel zu bestreiten. „Denn", fagte er, „jeder Herrscher hat unzweifelhaft das Recht, einen Edelmann zu baronisiren, aber aus einem Edelmann einen alten Freiherrn zu machen, das ist unnatürlich und unmöglich." Auch wandte Fersen sich 1683 am 14. Juli durch seine Frau, geb. Uexküll, an die Frau Statthalterin, um bei ihr sich zu erkundigen, ob denn wirklich Jürgen von Ungern zu Fistehl (B 36) auch Reinhold's von Ungern-Sternberg Eltervater gewesen sei.

5. Kriegszüge.

Mit Karl X. Gustav's Thronbesteigung nahm die kurze Friedenszeit ein Ende, und auch Reinhold von Ungern folgte dem Aufgebot der ehstländischen Adelsfahne. Der Krieg mit Polen entbrannte auf's Neue, und der Rittmeister Reinhold v. Ungern-Sternberg begleitete seinen König auf dessen Siegeslauf durch Polen, wo Warschau und Krakau ihm die Thore öffneten und Littauen ihm als. seinem Großfürsten huldigte. Ganz Polen und Preußen stand jetzt dem schwedischen Heere offen. Thorn wurde durch einen fingirten Befehl des polnischen Königs gewonnen, und Elbing, wo Gustav Adolf und Axel Oxenstjerna noch aus der Zeit von 1626 bis 1630 in gutem Andenken standen, nahm die Schweden als Befreier willig auf. Der Kurfürst Friedrich Wilhelm mußte den König als seinen Lehnsherrn über Ostpreußen und das neuerworbene Bisthum Ermeland anerkennen, worauf die beiden Fürsten ein festes Bündniß eingingen. In Elbing schloß der Reichskanzler Graf Erich Oxenstjerna am 29. April 1656 die „Capitulation" mit Reinhold von Ungern-Sternberg ab, daß dieser binnen drei Monaten 120 schwedische und deutsche Reiter werbe und ausrüste. Diese Compagnie solle dem Könige als Leibgarde dienen und Reinhold als Obristlieutenant ihr Anführer sein.

Während Reinhold U.-St,. sich dieses ehrenhaften Auftrages in Ehstland entledigte und seine Reiter anwarb, zog Karl Gustav in das schnell abgefallene Polen und gewann mit dem Kurfürsten vereint nach dreitägigem blutigem Kampfe am 20, Juli 1656 bei Warschau einen glänzenden Sieg, Von hier folgte er dem abziehenden Kurfürsten nach Preußen, entband denselben am 20. November des Lehnseides und belagerte Danzig. Da aber unterdessen Zar Alexei in Livland eingefallen war und Riga belagerte mußt Karl dorthin einen Theil seiner Truppen entsenden und bezog die Winterquartiere. Reinhold, der im Winter mit seinen Reitern bei dem Könige eingetroffen war, nahm im Frühjahre 1657 an dem dritten Feldzuge gegen Polen Theil. Der Ausbruch des Krieges mit Dänemark nöthigte den König am 3. Juni zum Abmarsche, und im Fluge eroberte er das dänische Festland. Am 20, Jnli zog er und mit ihm Reinhold bei Mölln vorbei nach Holstein, gelangte über's Eis auf die Inseln und näherte sich Kopenhagen.

Am 26, Februar 1658 wurde der Friede zu Roeskilde geschlossen, in welchem Schonen und Blckingen an Schweden abgetreten werden mußten. Reinhold U.-St., der öfter zum Könige nach Kopenhagen gesandt war, erhielt von diesem ein silbernes, vergoldetes Becken und eine Gießkanne zum Geschenk. Nach Erneuerung des Krieges und Karl's unerwartetem Tode (1660 am 13. Februar) wurde durch die Friedensschlüsse zu Oliva (am 23. April) und Kopenhagen (am 25. Mai 1660) den erschöpften Ländern nach der fieberhaften Aufregung der letzten fünf Jahre die lange ersehnte Ruhe gewahrt. Auch Reinhold erhielt als Obriftlieutenant der königlichen Garde seinen Abschied und kehrte in sein Vaterland zurück.

6. Aufenthalt in Ehstland 1660—1679.

Von dem wildbewegten Kriegsleben in die friedliche Heimath zurückkehrend sorgte Reinhold zunächst dafür, daß seiner Schwiegermutter, Dorothea von Sacken, die ihrem sel. Manne Jürgen Aderkas ertheilten Pfandbriefe auf Klein-Lechtigall und Plaschlep bestätigt wurden. Er erhielt von den Reichsvormündern auch ein Attestat von 1661 am 5. Juli, daß er rechtzeitig um Confirmation nachgesucht habe und die königlichen Briefe bis zu des Königs mündigen Jahren in Kraft erhalten werden sollten. Die Bewirthschaftung seiner Güter Klein-Lechtigall und Kidepä gab ihm hinreichend Beschäftigung, auch ließen es seine Nachbarn nicht an unangenehmen Uebergriffen fehlen, die ihn zu den langwierigen Prozessen wegen Pallifer, Berghof uud Vogelsang nöthigten. Als gewandter Geschäftsmann und gefälliger Freund wurde er öfter als Vormund und Zeuge in Anspruch genommen. Schon 1660 am 16. Juni zahlte er im Namen seiner Mutter Anna Kursell an Wilhelm Ulrich für die Jungfrau Sidonia Berg 18 Rth. Rente und sorgte für einen anderen Verwandten oder Mündel Friedrich v. Rosen, für den er 97 Herrendaler und 28 Rd. Kupfermünze auszulegen hattet Als Zeuge war er 1662 am 9. October in Lode zugegen bei dem Verkauf des Ungern'schen Hauses an Friedr. v. Löwen. Bald darauf wurde er nebst Reinhold Johann Uexküll und dem Major Joh. Wolffeldt zum Schiedsrichter ernannt in einer Streitigkeit der Stadt Pernau mit dem Grafen Magn. Gabr. De la Gardie, wozu ein Termin auf den 4. Juni 1664 angesetzt war. Desgleichen bekräftigte er durch seine Unterschrift den Kanfbrief über Hannijöggi, welches Gut sein Freund und Waffenbruder Jakob Stael von Holstein 1671 am 15. Juni von Erwe Hermann Zoege kaufte.

Im Januar 1667 wurde Reinhold durch das Vertrauen seiner Mitbrüder zum Ritterschaftshauptmann gewählt uud verkaufte im Auftrage der Ritterschaft am 28. März 1667 dem Obristlieutenant Berend Johann von Uexküll auf Mex für 2000 Rth. ein Haus auf dem Dom, wofür derselbe noch einen Bauplatz anwies und 500 gute Balken zu liefern versprach.

Nach dem Tode seiner Schwiegermutter Dorothea von Sacken kam am 27. Februar 1669 eine Vereinbarung der Erben zu Stande in welcher der Landschafthauptmann Baron Reinhold von Ungern-Sternberg nebst seiner Schwägerin Christum Aderkas, Wittwe des Lt. Otto v Rappe dem Kapitän Tönnis Johann von Bellinghusen das Haus in Reval in der Leimstraße, zwischen Thimian Stahl und Heinrich von Drenteln Häusern gelegen, für 1261 1/2 Rth. überließen, sich aber das Näherrecht
vorbehielten.

Der Versuch, sein Recht auf Fistehl, das alte Erbgut der Familie Ungern, wieder geltend zu machen, und die daran sich knüpfenden Streitigkeiten mit Fersen verbitterten dem alternden Manne seine letzten Lebens jahre. Mit dem Landrath Johann Hastfer zusammen klagte er 1673 am 24. Juni beim Oberlandgericht wegen 1000 Rth. Sp. und des alterum tantum an Zinsen, welche Schuld ein Edler Rath zu Reval abzutragen verpflichtet sei. In demselben Jahre wurde er vom Statthalter am 24. Juli aufgefordert, er möge einem Tischler, der bei der finnischen Kirche arbeiten solle, das ihm vorenthaltene Handwerkszeug restituiren.

7. Die Mühle Rodia 1665—1670.

Mit dem Gute Klein-Lechtigall zusammen war dem Franz Treiden 1594 am 13, Juli auch das Dorf Jergfer in der Nahe der Kirche St. Martens nebst der Mühle Rodia verpfändet worden und ging mit demselben 1623 an Jürgen Aderkas über. Rodia, zu dem ein Haken Landes gehorte, war ein Theil der Präbende Putkas, gewesen und mit 9 Haten dieses Gutes 1594 am 13. Mai dem Bojaren Bolgack Iwatzow verliehen, der sich darüber mit Franz Treiden vereinbart haben wird. Das an Jergfer gränzende Gut Vogelsang überließ der alte Feldherr Graf Jakob De la Gardie seiner Tochter Maria Sophia, die an den Freiherrn Gustau Oxenstjerna vermählt, aber seitdem 31. Mai, 1648 Wittwe war. Ihr lag die Mühle Radia sehr bequem, und auf den Wunsch des Vaters vertauschte J. Aderkas' Wittwe dieselbe gegen ein an-deres Landstück 1648 am 12. November, worauf zwischen deu Nachbarinnen ein freundschaftliches Verhältuiß herrschte.

Im Jahre 1665 aber, als Reinhold B. U.-St. im Auftrage seiner Schwiegermutter eine alte verfallene Mühle unter dem Dorfe Jergfer repariren und neu aufbauen lassen wollte, wozu schon Balken herbeigeführt waren, klagte der Pfandhalter auf Vogelsang, Johann Volland, über die Anlegung einer Mühle auf dem Gebiete von Vogelsang. Vergebens bewies Reinhold durch Zeugen und Docnmente, daß seine Mühle mit Rodia nichts zu thun habe, sondern innerhalb einer Gränzen bei dem Dorfe Jergfer liege, wenn sie auch zuweilen nach dem benachbarten Gesinde Rodia genannt worden sei. Die Gräfin bewog den Statthalter und den Generalgouverneur den Bau zu hindern; es entstand ein langer Prozeß, in dem eine Unzahl von Schriften gewechselt und fast die ganze Bevölkerung der Umgegend verhört wurde. Endlich wurde die Gräfin mit ihren Ansprüchen gemäß dem Berichte des Manngerichts vom 12. Februar 1667 durch das Burg-gericht zu Reval am 6, März 1668 abgewiesen, appellirte aber an das schwedische Hofgericht, welches Reinhold am 6. Juni nach Stockholm citirte, aber doch am 7. Mai 1670 nicht anders entscheiden konnte. So gering-fügig die Sache auch war, appellirte die Gräfin doch an den König, der Reinhold B. U.-St. auf deu 5. November 1670 nach Stockholm citirte. Mit einer Bittschrift um Aufschub, bis im Frühlinge die Seereise gestattet sei, schließen die Acten, und der weitere Verfolg der Sache ist unbekannt. Beide Mühlen gingen ein, und man kennt nicht mehr ihre Stätte.

8. Gränzstreit mit Pallifer 1668.

Während der alte Kriegsmann noch seine Gränzen gegen die Gräfin Marie De la Gardie vertheidigen mußte, griff eine andere Frau dieselben auf einer anderen Seite an, Gertrud Katharina von Knorring, Wittwe Friedrich's von Buxhöwden zu Pallifer, machte schon 1661 am 30. Mai Ansprüche auf einige zu Klein-Lechtigall gehörende Heuschläge uud eignete sich 1668 ohne Weiteres ein Stück Land von Klein-Lechtigall an, welches sie mit einem Zaun umgeben und bearbeiten ließ. Reinhold, der gern mit ihr in Frieden leben wollte, setzte ihr sein Recht aus einander und erbot sich mit ihr zusammen die Gränze zu besichtigen und die schon 1628 auf-gaestellten Kreuzsteiue wieder aufzusuchen. Zum Beweise seiner freundlichen Gesinnungen übersandte er ihr zwei Kiihe. Alle mündlichen und schriftlichen Vorstellungen aber fruchteten Nichts; daher verklagte Reinhold 1671 seine Frau Schwägerin beim Generalgouverneur Beugt Horn wegen Eindranges in seine Gränzen und übersandte ihm gleichzeitig zwei Documente, welche darlegten, daß bereits 1627 und 28 die Gränze zwischen Klein-Lechtigall, dem Gute seines Schwiegervaters Aderkas, und Pallifer, welches damals Reinhold v. Buxhöwden gehörte, rechtskräftig regulirt worden sei. Bengt Horn ersuchte die Frau, von ihrem Beginnen abzustehen, ließ auch 1671 am 26, Juni durch das Manngericht die Gränze anf's Neue besichtigen; da seine Bemühungen aber Jahre lang erfolglos blieben, gab er endlich 1673 dem Hakenrichter Gustav Lode von Parmel den Auftrag, den Zaun niederhauen und die alte Gränze mit Zaunstüken bezeichnen zu lassen.

Die Wittwe ließ sich dadurch nicht beirren, sondern benutzte den Heuschlag nach wie vor. Der Statthalter Philipp Scheding setzte nun seine Bemühungen fort, die Frau zur Vernunft zu bringen, und da es auch ihm nicht gelang, ertheilte er dem Hakenrichter H, O. von Derfelden 1675 am 26. October die Ordre, die Wittwe Bufhöwden bei Androhung der Execution zu vermögen, das Heu herauszugeben. Nun klagte die Wittwe beim Oberlandgerichte wegen Vergewaltigung, aber 1677 am 11, April bestätigte dasselbe die alte Gränze von 1628.

9. Prozeß wegen Fistehl. 1664—1684.

Das alte Erbgut der Familie Ungern, Fistehl im Kirchspiel Sissegal, war schon 1346 von Henning I. an seinen Neffen Henning II. (A 6.8) vermacht und blieb bis 1583 ungestört in den Händen seiner Nachkommen. Nachdem aber Christoph II. von der Fistehl auf Befehl des Königs Stephan enthauptet war, wurde auch sein Gut eingezogen und an einen Polen Andreas Wolsky verlehnt. Sigismund III., der es ihm 1592 am 20. September confirmirte, gestattete ihm, es zu verkaufen. Daher löste es Heinrich VII. (B 63) 1592 am 10. December ein, mußte aber, um die Forderung Wolsty's zu befriedigen, sein Gut Gilsen verkaufen und Fistehl mit Schulden belasten, daher er erst 1597 in wirklichen Besitz trat.

Die jetzt folgende kriegerische Zeit, in welcher auch Heinrich sich den siegreichen Schweden unterwerfen mußte, raubte fast allen Denen, die noch ein Recht an Fistehl hatten, das Leben; das Gut wurde von der Krone Polen eingezogen, und erst nachdem Gustav Adolf Livland wieder erobert hatte, konnte sich Anna, Heinrich's Tochter, zu dieser Besitzung melden. Ihr und ihrem Manne Magnus Aderkas wurde denn auch Fistehl 1629 am 10. Juli confirmirt. Als nun Magnns Aderkas 1664 am 28. Juli kurz vor seinem Tode in seinem Testament seinen Brudersöhnen Victor und Arend Aderkas das Gut Fistehl vermachte und um die Confirmation bei der Königin nachsuchte, protestirte W o l m a r Baron U.-St. als Bevoll-mächtigter seiner Vettern Otto und Reinhold dagegen und wies nach, daß Fistehl das Stammgut aller Freiherren von Ungern-Sternberg sei, zu dem er das nächste Anrecht habe. Die Königin verwies am 4. November 1664 die Sache an das Dorpat'sche Hofgericht, welches untersuchen sollte, ob Fistehl ein Lehn- oder Erbgut sei. Außer Aderkas' Erben meldete sich auch im Namen der Krone der Fiscal Georg Witting und erklärte das Gut für königliches Eigenthum. Nun überließen die Vettern den Prozeß Reinhold Baron U.-St., der ihn fortan auf eigene Gefahr fortsetzte.

Der mit seinem Stammbaum wenig vertraute Reinhold verwickelte sich in Widersprüche, die Aderkäs widerlegte, indem er die in Mitau deponirte Brieflade benutzte, soweit sie seiner Sache diente, aber Ungern diese Quelle nicht entdeckte. Dieses veranlaßte das Hofgericht, am 8. Mai 1669 das Urtheil zu fällen: Fistehl könne weder Ungern noch Aderkas zugesprochen werden, sondern sei der Krone anheimgefallen. Reinhold von Ungern-Sternberg, der mittlerweile (von 1667-70) Ritterschaftshauptmann geworden war, wandte sich jetzt direct an die Königin und protestirte gegen dieses Urtheil. Fistehl sei seit 1232 von Erzbischof zu Erzbischof, von König zu König seiner Familie bestätigt worden; ja König Sigismund III habe 1592 Heinrich's von Ungern (B 68) Recht anerkannt, obgleich er es damals schon anderweitig vergeben gehabt. Heinrich's Tochter sei nur berechtigt gewesen, einen Brautschatz aus Fistehl zu erhalten, und nur, weil kein Ungern seine Rechte habe vertreten können, sei Fistehl 1629 an Aderkas gekommen.

Dieses bewirkte denn auch so viel, daß die Königin am 1. August 1670, obgleich sie zwei Tage vorher das Hofgerichtsurtheil bestätigt und Fistehl dem General Karl Arensdorf für seine Schuldforderung von 8275 Rth Sp. zugesprochen hatte, Reinhold Ungern-Sternberg die Versicherung ausstellte, daß er das Gut erhalten werde, sobald die Krone im Stande sei Arensdorf anderweitig zu entschädigen. Noch in demselben Jahre wurde Fistehl dem General Arensdorf gerichtlich immittirt; da er aber in den Dienst des Königs von Dänemark getreten war, mit dem sich Schweden damals im Kriegszustande befand, so war hiedurch sein Recht auf Fistehl verwirkt, und Karl XI. verlieh das Pfandrecht am 16. October 1675 einem anderen Kronsgläubiger, dem Generallieutenant und Landrath Otto Wilhelm von Fersen, mit der Vergünstigung, das Gut nach Gefallen zu verpfänden oder zu verkaufen.

Hiegegen legte Reinhold Baron U.-St. seine Bewahrung ein und berief sich auf die königliche Zusage vom 1. August 1670, sowie auf seine alten Ansprüche an sein Stammgut. Der Prozeß begann von Neuem aber am 19. August 1678 confirmirte der König dem Landrath Fersen das Gut. Reinhold U.-St. konnte sich damit nicht beruhigen und reclamirte weiter gegen Fersen, sehnte sich aber bei seinem vorgerückten Alter auch nach Ruhe und übertrug die Fortsetzung des Prozesses seinem Sohne, dem Generaladjutanten Fabian Ernst Baron Ungern-Sternberg zu Erras (B 86).

Es entstand wieder ein mehrjähriger Streit, dem Fersen eine persönliche Richtung zu geben wußte, indem er Reinhold B, U,-St. das Recht auf den Freiherrntitel bestritt. Die von beiden Seiten eingereichten Klagen, Antworten, Dupliken, Repliken und Deductionen nährten nur die gegen-seitige Verbitterung, worüber der alte Obristlt. im Herbste 1683 starb.

Am 3. Januar 1684 sprach Karl XI. den Ungern jedes Recht an Fistehl ab und ertheilte es dem Gen. Fersen auf zehn Jahre, unter der Bedingung, daß er der Wittwe des indessen verstorbenen Generals Arensdorf, der nach dem Friedensschlüsse mit Dänemark amnestirt und in seinem Pfandrechte anerkannt war, ihre Auslagen und Forderungen an die Krone mit 5275 Rth. Sp. ersetze und auch die 3000 Rth. Sp, ihr wieder be-zahle, welche die Erben des sel. Magnus Aderkas von ihrem sel. Manne erhalten hatten. Als darauf der Generaladj. den König ersuchte, ihm doch wenigstens sein uraltes Stammgut nach Ablauf der zehn Jahre zurück, geben zu wollen, verlieh Karl XI. dasselbe 1684 am 7. April dem General Fersen uud seiner Frau auf Lebenszeit wegen seiner tapferen Dienste, zugleich aber auch, weil er es durch einen kostspieligen Prozeß der Familie Ungern abgewonnen und der Krone zur Verfügung gestellt habe. Nun wandte sich der Generaladj. direct mit einer Bittschrift an seinen gnä-digen König und stellte ihm vor, daß dieses Gut nicht nur seinem Vater laut Resolution vom 1. August 1670 von der Krone bereits zugesagt wor-den sei, sondern er und alle seine Väter der Krone Schweden seit 1600 auch treu gedient hätten, wofür ihnen von Polen ihr Erbgut Assoten con-fiscirt worden. Bisher habe ihm Schweden noch keinen Ersatz dafür gegeben. Als Antwort ertheilte ihm Karl XI. am 8. September 1684 die Resolution: Er habe über Fistehl ein perpetum silentium zu beobachten bei Strafe von 10000 Daler Silber Mz. Damit erreichte der fast hundertjährige Prozeß wegen Fistehl sein Ende, — und so belohnte Karl XI. die Dienste seiner Getreuen.

10. Reinhold's Ende und Familie 1683.

Am 5, August 1679 machte Reinhold sein Testament, In demselben vermachlc er seinem älteren Sohne Fabian Ernst die Güter Kidepäh und Hallick, seinem jüngeren Sohne Jürgen Reinhold Klein-Lechtigall. Da er seine beiden Töchter nach dem Tode seiner Hausfrau vollständig ausgesteuert und einer jeden 2000 Rth. ausgezahlt habe, so seien die Güter schuldenfrei, und auch sein Gut in Finnland sollten die Söhne nach seinem Tode friedlich unter sich theilen. Sehr ernst warnte er sie vor Streit, weil Bruderhaß ein Gräuel vor Gott sei, der seine Strafe über ihre un-schuldigen Kinder bringen würde. Er selbst aber werde sich nach Finnland begeben, um auch Hohenfors noch „in Esse" zu bringen, da seine Väter daselbst im Exil gelebt hätten. Nachdem er nun auch die Confirmation von Klein-Lechtigall für seine Söhne am 11. October 1680 erhalten hatte, hoffte er sein vielbewegtes Leben in Ruhe beschließen zu können, doch wurde er durch die erwähnten Prozesse noch vielfach in Anspruch genommen. Die beleidigenden Angriffe Fersen's und der ungünstige Ausgang des Prozesses wegen Fistehl kränkten den alten 65jährigen Mann so sehr, daß er im December 1683 starb. Sein Leichnam wurde in der St. Olai-Kirche zu Reval beerdigt am 13. Februar 1685.

Er heirathete etwa 1650 Anna Dorothea von Aderkas, Tochter des Obriften Jürgen von Aderkas zu Klein-Lechtigall und Paschlep, und der Dordie von Sacken aus Schnepeln.

Kinder:

1. Fabian Ernst I., gest. 1708, s.B 86.

2. Jürgen Reinhold VII., gest. 1723, s. B 87.

a. Anna Margaretha, gest. 1669. Sie heirathete Wolter Reinhold von Uexküll auf Angern, der zum Freiherrn Meyendorff aus dem Hause U. erhoben wurde.

b. Dorothea Elisabeth. Sie heirathete Gerhard von Lewolde.

C 82. Otto Vl Otto's V. (A, 72) Sohn, Baron Ungern-Sternberg, Freiherr zu Pürkel, Herr zu Orellen, Linden und Errestfer, geb. 1627, gest. 1666 am 7. März.

1. Jugendzeit und Heirach. 1627—1666

Otto VI. wurde als der einzige Sohn seines Vaters Otto und seiner dritten Gemahlin G. Elisabeth Uexküll von Padenorm am 30. October 1627 geboren und bald darauf vermittelst des Sacraments der h. Taufe von seiner erbsündlichen Natur abgewaschen und dem Herrn Christo und seiner theuer erkauften Kirche incorporirt. Seine Eltern hatten ihm eine für die damalige Zeit ausgezeichnete Bildung geben lassen, denn er konnte mehrere Sprachen ftießend sprechen. Früh in die ehstländische Adelsfahne eingetreten, wurde er im 21. Lebensjahre (1648) bereits zum Cornet erwählt. Er diente im Regimente des Obristen Leonhard von Vietinghof und in der Compagnie des Obristlieut. Hermann Baron Wrangell zu Jerwakant.

In demselben Jahre (1648) trat er Linden an, für welches er 1 1/4 Pferd zum Roßdienste stellen mußte. Sein Schwager, der General Alexander von Essen zu Orrisaar (gest. 1664), überließ ihm auch Orellen und ließ sich das Erbtheil seiner Frau Magdalena baar auszahlen.

Otto von Ungern war von väterlicher und mütterlicher Seite nahe mit Wolmar von Ungern zu Pürkel (F 83) verwandt, denn Otto's Mutter war eine leibliche Tante von Wolmar's Gemahlin Sophie von Uerxküll, Daher herrschte ein reger Verkehr zwischen beiden Häusern. Die Bekanntschaft mit der alten Pürkel'schen Brieflade erweckte in Otto das Interesse für diese alten Familienpapiere so sehr, daß er sie sich zum Copiren ausbat, worauf Wolmar bereitwillig einging. Am 29. Mai stellte Otto Ungern einen Revers darüber aus, daß ihm sein Vetter diese Documente zum Copiren anvertraut habe, und verpflichtete sich, nach gemachtem Gebrauche sie ihm zurückstellen zu wollen, wogegen Wolmar ihm das Zeugniß ausstellte, daß Otto von Ungern zu Linden und Orellen sein blutsverwandter Vetter und in Pürkel erbberechtigt sei. Otto eilte mit diesem Schatze nach Hause und verabredete mit seinem intimen älteren Freunde und Vetter Reinhold von Ungern zu Lechtigall, diese Documente zu benutzen, um Wolmar, sich und Reinhold von Ungern auch in Schweden baronisiren zu lassen, wie bereits erzählt worden ist. Hier sei nur bemerkt, daß Wolmar's Zorn hauptsächlich Otto traf, weil dieser die Documente anders benutzt hatte, als wozu er sie ihm gegeben, ja nicht einmal mehr im Stande war, sie ihm vollständig wieder zurück zu liefern. Nach langem Hader näherten sich die Vettern einander wieder und wurden 1660 zusammen in das schwedische Ritterhaus inttoducirt.

Otto v. Uexküll, seit 1648 am 23. August zum Freiherr Uexküll-Güldenband zu Padenorm ernannt, war 1653 gestorben, und am 15. März 1654 erfolgte die Erbtheilung, in welcher jede der drei Schwestern des Verstorbenen 1400 Rth. erhielt, dagegen aber dem Gute Padenorm zu Gunsten ihres Neffen Johann Baron Uexküll-Güldenband entsagten. Magnus Nieroth der Jüngere zu Weetz und Otto VI. von Ungern zu Linden unterschrieben diese Vereinbarung im Namen ihrer Mutter, Gegen diesen Erbvergleich ließ der Reichsrath, Baron Erich Gyllenstjerna seine Bewahrung einreichen, soweit derselbe das Gut Massau betraf, welches der Wittwe des Otto Uexküll, Helena Horn, gehörte. Deshalb reiste die Mutter Otto's v. Ungern, Elisabeth Uexküll, selbst zu ihrer Tante nach Riga und entsagte am 27, August 1654 mit ihren Miterben auch allen Ansprüchen auf Massau.

Im Jahre 1655 starb Helena von Horn, die in ihrem Testament ihrer Nichte, der Mutter Otto's, eine silberne Kanne und 1000 Rth, ver-machte. Am 21, Juni zahlte Otto dem Obristen Johan von Rosen (gest. 1657), der seine Schwester Anna Magdalena geheirathet hatte, von deren Erbtheil (1200 Rth.) 900 Rth. baar aus. Am, 20, Juli 1055 feierte er selbst seine Hochzeit mit Helena Zoege von Weissenfeldt, worauf am 14, Juli 1656 die Erbtheilung folgte, Joachim Friedrich v, Zoege, Herr zu Errestfer und Weißenfeldt (gest. 1642 am 23, October), hatte näm-lich zwei Töchter und eine Wittwe, geborene Helena Horn von Kankas, Heinrich's Tochter, Erbin zu Wenden, hinterlassen, welche Magn. Nieroth der Jüngere, Herr zu Weetz, Otto's Baron U.-St, Vetter, geheirathet hatte. Sie war 1656 bereits gestorben. Nieroth und Ungern einigten sich nun dahin, daß Ersterer Wenden und einen Theil der Erbschaft von Helena Horn, Karl's T,, behielt und auf Zoege's Nachlaß Verzicht leistete. Dagegen sollte Weißenfeldt, Errestfer und Korast an Ungern und seine unverheirathete Schwägerin Anna Margaretha Zoege fallen, wofür sie der Erbschaft von Helena Horn entsagten. Diesen Erbvergleich unterschrieb auch Reinhold Baron Ungern-Sternberg zu Klein-Lechligall (B 81), bevor er mit seinen angeworbenen Reitern seinem siegreichen Könige ins Ausland nacheilen mußte.

Einige Jahe später, nämlich am 28. Januar 1661. verglich sich Otto mit dem Gouverneur von Arensburg. Baron Reinhold von Lieven, der seine Schwägerin Anna Margaretha Zoege geheirathet halte, und überließ ihm Weißenfeldt, welches Otto mit seiner Schwägerin zusammen be-sessen hatte. Dafür zahlte er seinem Schwager Otto 10000 Rth. aus; denn ihm mochte dieses bequem gelegene, gut cultivirte Gut mehr zusagen als die wüsten Güter Errestfer, Korast und Klein-Rehwaldt, welche Ungern übernahm. Wann Otto Orellen verkauft hat. ist unbekannt, jedenfalls erbte es aber sein Sohn nicht von ihm.

Am 29. October 1662 verkaufte Otto sein Haus auf dem Dom zu Reval, welches er von seiner Mutter geerbt hatte, für 600 Rth. an den Generallieutenant Friedrich von Löwen zu Lode und Seier, der sich in dem letzten Kriege so ausgezeichnet hattet.

2. Kriegszüge.

Nicht lange durfte Otto des häuslichen Glücks sich erfreuen; denn der kriegerische König Karl X. Gustav hatte bald nach der Thronbesteigung das Aufgebot zum Kriege gegen Polen erlassen, und im Frühjahre 1655 erwählle die ehstländische Adelsfahne den Baron Otto Ungern-Sternberg, der sich durch fein Wohlverhalten die Achtung aller Ober- und Unteroffiziere erworben hatte, zum Lieutenant. Während nun der König in Preußen und Polen die glänzendsten Siege erfocht und eben Danzig belagerte, brach der Zar Alexey Michailowitsch. dem die fast unglaublichen Erfolge dieses kühnen Feldzugs Beforgniß eingeflößt hatten, im Herbst 1656 in das von Truppen entblößte Liv - und Ehstland ein. Der Generalgouverneur Bengt Horn' berief den Adel Ehstlands. schilderte demselben die gefähr-liche Lage des Landes und forderte ihn auf, jetzt selbst das Vaterland zu vertheidigen. Der Adel entsprach nach Kräften dieser Aufforderung, konnte es aber nicht verhindern, daß die Russen Wierland verwüsteten und bis tief in Jerwen vordrangen.

Das Hauptaugenmerk des Zaren war die Eroberung der Stadt Riga, die er selbst mit 100000 Maum belagerte, während er von Kokenhusen aus 40000 Mann zur Belagerung Dorpat's entsandte. Aber bis zum 5, October 1656 lag der Zar vor dem schwach besetzten und schlecht befestigte, jedoch von dem tapferen Simon Grundel Helmfeldt vertheidigten Riga, und als Entsatztruppen aus Deutschland nahten, hob er die Belagerung auf, und seine Armee verbreitete sich über Livland zur Verheerung des Landes. Dorpat aber übergab am 12. October der hochfahrende, leichtfertige Commandant Lars Flemming. Vergeblich war Horn bemüht gewesen, mit seiner ehstländischen Adelsfahne die Belagerungslinie zu durchbrechen, obgleich der Adel noch ein Extraregiment unter dem Obristlieulenant Fromhold v. Tieseuhausen gestellt hatte.

In allen diesen Streifzügen und Scharmützeln hatte sich der Lieutenant Otto Baron U.-St. so hervorgethan, daß ihn der Generalgouverneur von Riga, Graf Magnus Gabriel De la Gardie, im Anfange des Jahres 1657 zum Major ernannte und ihn als Statthalter nach Arensburg setzte. Während Otto hier friedlich mit seiner Familie lebte, hatte der Generalfeldwachtmeister Friedrich von Löwen am 18. Juli 1657 eine russische Heeresabtheilung von 10000 Maun unter Scheremetiew aufgerieben. De la Gardie selbst hatte mit nur 3000 Reitern in Rußland einen Einfall gemacht, mußte aber eilend über Narva zurückweichen, verfolgt von einem gewaltigen Russenheere. Das Regiment des Obristen Leonhard Vietinghoff, in welchem Otto bisher gedient hatte, wurde nach tapferer Gegenwehr vernichtet und ihr Führer erschlagen. Dann ergoß sich das russische Heer ungehindert über Wierland und verwüstete, was noch übrig geblieben war. Aber ein stärkerer Feind hatte hier bereits die Herrschaft errungen und nöthigte die Russen zur Umkehr; die Pest entvölkerte das Land, und auch Riga und Reval verloren durch sie die Hälfte ihrer Bewohner. Im März 1658 stürmten die Russen Jamburg, welches schon kapitulirt hatte und eben geräumt werden sollte, als Bengt Horn anlangte, die Belagerer verjagte und ihnen von Narva aus noch hart zusetzte. Endlich brachte der Friede von Roeskilde, den Karl Gustav am 26, Februar 1658 mit Dänemark abgeschlossen hatte, auch den Zaren auf Friedensgedanken, und der russische Feldherr Chowansky bat um einen Waffenstillstand, der denn auch am 23. April von den Schweden mit dem russischen Obristen Osnobyssow und dem Obristlieutenant [Valentin] Rußwurm abgeschlossen wurde.

Damals kehrten endlich nach dreijähriger Gefangenschaft die schwedischen Gesandten, unter welchen auch der General Alexander von Essen, Otto's Schwager, war, aus Moskau zurück.

Bengt Horn benutzte diese Ruhezeit, um Narva stärker zu befestigen und neue Mannschaft anzuwerben. Zum Commandeur seines eigenen Regiments zu Roß berief er am 13. Juli 1658 den Major Otto Baron Ungern-Sternberg seiner erprobten Tapferkeit und Gewandtheit wegen und ernannte ihn gleichzeitig zum Obristlieutenant.

Die Friedensverhandlungen mit Rußland zogen sich hin, weil am 8. August der Krieg mit Dänemark wieder entbrannt war. Endlich aber kamen doch die gegenseitigen Gesandten in Wallisaar znsammen, wo am 1. December 1658 der Waffenstillstand auf drei Jahre verlängert wurde. Damit aber war Karl Gustav nicht gedient, denn er wünschte Frieden mit Rußland und ernannte Bengt Horn zum Unterhändler, der seinerseits den geschäfts- und sprachgewandten Obristlieutenant Otto Baron Ungern- Sternberg zu seinem Gehülfen mitnahm. Man versammelte sich erst an der Düna und verlegte dann den Verhandlungsort an die lange Embachbrücke, wo der schlaue Afanasi Nasackin, der als Statthalter von Kotenhusen bei dem Frieden zu verlieren fürchtete, die Verhandlungen bis tief in den November 1659 zu verschleppen verstand. Trotz aller Nachgiebigkeit konnte Horn es nicht zum Abschluß des Friedens bringen, und es mußte endlich bei dem Waffenstillstande von Wallisaar bleiben, womit aber weder der Zar noch der König zufrieden waren. Als daher bald nach Karl Gustav's Tode im April und Mai 1660 mit Polen und Dänemark Friede geschlossen worden war, eilte auch der Zar, sich mit Schweden zu vereinbaren. Am 23. März 1661 versammelte man sich zu Kardis, wohin Otto Baron U.-St. wieder Bengt Horn begleitete, aber erst am 21. Juni kam endlich der Friede zu Stande, nach welchem die Russen Livland völlig räumten. In diesen langen Kriegen, die mit kurzen Unterbrechungen damals 100 Jahre gewährt hatten, war Livland und Ehstlaud zur Wüste geworden, In Errestfer und Korast konnte man 1627 nicht unterscheiden, was einst Hofs-feld gewesen, weil alles mit Wald bewachsen war. Viele Güter und unzählige Dörfer waren ganz verschwunden, ja selbst eine Kirche in JIerwen soll so von dichtem Walde umwachsen sein, daß sie erst nach Jahrzehnten durch einen Hund wieder aufgefunden wurde, weshalb man sie Koera-kirrik (Hundekirche, jetzt St. Maria-Magdalenenkirche) nannte.

3. Zwist mit dem Rathe zu Hapsal 1663.

Als Jürgen Herkel 1524 seinen Hof Wittenfeld an Jürgen von Ungern verkaufte, überließ er ihm auch ein Erbe in der Stadt Hapsal nebst der Lehnware [Lehnrecht] über zwei geistliche Vicarien in der Dom-kirche zu Hapsal. Da nun Wittenfelde 1526 und Linden 1530 zurückge-geben wurde, mag das Haus in Hapsal an Linden gefallen und durch das Testament der Anna Herkel 1623 in Otto's v. U. Hände gelangt sein. Mit dem so nahen Städtchen Hapsal, welches durch Bischof Hermann 1279 gegründet und vom Bischof Jakob mit einem eigenen Stadtrechte begnadigt war, auch vom Grafen Jakob De La Gardie l648 manche ansehnliche Privilegien erhalten hatte, standen die Besitzer von Weißenfeld und Linden in beständigem und lebhaftem Verkehr, der bisher ein durchgehends freundlicher gewesen zu sein scheint.

Da aber in Folge der exclusiven Bestrebungen des Raths, der jedem Fremden den Handel in der Stadt und mit Dagden verwehrte, in Hapsal kein ordentlicher Laden zu finden war, hatte Otto v. U, zwei Kaufleute ans Pernau und Arensburg veranlaßt, sich dort zu etabliren. Der Bürger-meister Christian von Husen sammt seinen Rathsherren, welche bisher ein Handelsmonopol in Hapsal ausgeübt zu haben scheinen, fürchteten nicht ohne Grund, daß diese Fremden ihnen das Brot vor dem Munde weg-nehmen würden, und sannen auf Rache gegen den Mann, der ihnen Dieses eingebrockt hatte. Da sich nun kein Grund zur Klage finden wollte, er-fanden sie einen. Ein nächtlicher Tumult, den loses Gesindel in Hapsal verübte, konnte Ungern in die Schuhe geschoben werden. Gedacht, gethan. Der wohlweise Rath setzte eine Klageschrift wider den Obristlieutenant Baron Ungern-Sternberg zu Linden auf, die etwa also lautete: „Der Baron hat allerlei landflüchtige Menschen in Schutz genommen, die „mang" seinen Leuten bei nächtlicher Weile die Straßen auf und abgeritten sind, mit Pistolen auf die Rohrdächer geschossen, die Bürger in ihren eigenen Häusern mißhandelt und beraubt haben, so daß das Städtchen bei feindlichen Zeiten nicht so turbirt worden ist wie jetzt durch einen Edelmann, Der sichere, überall von Kaisern und Königen geschützte Landfrieden ist durch diese Ge-waltthaten gebrochen, und wir können die uns verliehenen Rechte nicht mehr in Ruhe genießen. Mit diesem Schreiben wurde Husen's Schwiegersohn Johann Brüning als Deputirter der Stadt Hapsal an den Besitzer der-selben, den Reichskanzler Grafen Magnus Gabriel De la Gardie, direct nach Stockholm abgefertigt, mit dein Auftrage, die Klage durch mündlichen Vortrag zu würzen. Graf De la Gardie, der den braven Obristlieute-nant von einer ganz andern Seite kannte, verwies die Kläger an das ehst-ländische Oberlandgericht, schrieb aber zugleich an den Generalgouverneur Bengt Horn, er werde diese Sache durch eine Commission noch in loco untersuchen lassen.

Als diese Commission in Hapsal angelangt war, forderte sie de Obiistlieutenaut auf, vor ihr erscheinen und seine Rechtfertigung vorbringen zu wollen. Ungern antwortete, wenn er auch als Edelmann vor keinem anderen Richterstuhle Jemandem Rede und Antwort zu geben brauche als vor dem Oberlandgerichte, so wolle er doch aus Respect vor dem erlauchten Herrn Reichskanzler ihrer Ladung folgen, bitte aber, ihm erst die Klage des Rathes schriftlich mittheilen zu wollen. Denn in dieser hochpeinlichen Angelegenheit habe er sich für schweres Geld einen Advocaten aus Reval kommen lassen, durch den er der Commission seine Antwort schriftlich einreichen werde. Nachdem nun diese Schriftstücke gegenseitig eingereicht worden waren, erschien der Baron selbst vor der Commission auf dem Schlosse zu Hapsal, wo er den Rath und die Bürgerschaft iu corpore vorfand. Nach den üblichen Begrüßungen wandte sich Ungern an die Bürgerschaft und fragte sie, ob sie bei den im Reiche wider !hn geführten Beschwerden mit interessirt sei. „Nein," lautete die einstimmige Antwort. Auf die weitere Frage, ob sie denn mit Fug und Recht Ursache hätten, sich über ihn zu beklagen, autworteten sie: ..Nein, der gnädige Herr Baron hat stets mit uns gute Nachbarschaft gehalten; der Rath aber hat ihn ohne unser Wissen hinter unserem Rücken verklagt."

Nach diesem Verhör erklärte die Commission ihr Geschäft für beendigt und verwies die Kläger an das Oberlandgericht. Die Bürger aber baten, man möge sie nicht nach Reval citiren; sie hätten Nichts zu klagen, denn der gnädige Herr habe ihnen nur Gutes gethan. Der Rath von Hapsal fand sich bitter getäuscht. Er hatte gehofft, der allmächtige Reichskanzler werde ihren Feind auf die bloße Klage seiner getreuen Unterthanen hin verurtheilen, und nun waren sie von der Commission ihres Herrn aufgegeben und von ihren eigenen Bürgern im Stich gelassen. Sie beschlossen daher, der Citation des Oberlandgerichts, die mittlerweile erfolgt war, nicht zu folgen.

Als bald darauf der Baron dem Herrn Bürgermeister in der Stadt Hapsal begegnete, fragte er ihn, warum er seine Criminalsache wider ihn in der Herbstjuridik nicht durchgeführt habe, und dieser antwortete, er habe mit ihm Nichts zu schaffen. Nun aber klagte Ungern seinerseits über den Bürgermeister und Rath von Hapsal bei sämmtlichen Herren Kronslandrathen, weil sie ihn im Reiche denuncirt hätten, als habe er den Landfrieden gebrochen, jetzt aber nicht vor Gericht erschienen seien, ihre Sache durchzuführen. Daher bitte er, der hohe Richterstuhl wolle die Verläumder zu der Strafe verurtheilen, der er verfallen wäre, wenn sie ihn des gräulichen Verbrechens des Landfriedensbruches hätten überführen können. Demnach erging am 19. October 1663 vom Oberlandgericht die Mahnung an den Bürgermeister und Rath von Hapsal, ohne eine weitere Citation abzuwarten, in der nächsten Winteijuridik vor diesem foro zu erscheinen.

Jetzt wurde es dem trotzigen Herrn Bürgermeister doch etwas ängstlich zu Muthe, als er den Ernst des Gerichts vermerkte. Er wandte sich daher an Reinhold Baron Ungern-Sternberg auf Klein-Lechtigall und den Obristen Arensdorff und ersuchte sie, diese Sache vermitteln zu wollen. Hierdurch ließ sich Ungern besänftigen und durch eine schriftliche Abbitte zufrieden stellen, die am 8. Juni 1664 in optima forma erfolgte und die Unterschrift hat: Christian Hans Hußen, jedoch meinen Ehren unverweißlich.

4. Versöhnung mit Wolmar Baron Ungern-Sternberg 1664.

Noch immer grollte der riga'sche Statthalter Wolmar Baron Ungern-Sternberg zu Pürkel der Documente wegen, und alle Bemühungen, ihn zu besänftigen, waren bisher gescheitert. Da starb Magnus Aderkas von Fistehl 1664, und dieses uralte Stammgut der Ungern wurde dem General Arensdorff eingeräumt. Nun schrieb Wolmar an seinen Vetter Otto zu Linden und forderte ihn auf, mit ihm gemeinsam dagegen zu Protestiren und nöthigenfalls einen Prozeß zu beginnen. Otto antwortete ihm am 4. März 1665, daß er durch einen Fall seinen Arm beschädigt habe, wes-halb er nicht nach Dorpat kommen könne, doch wolle er mit dem Vetter Reinhold zu Lechtigall ihn bevollmächtigen, auf gemeinsame Kosten den Prozeß wegen ihres alten Stammgutes zu führen. Sobald es mit seinem Arme besser geworden, wolle er zu ihm nach Pürkel kommen, um mündlich darüber weiter zu verhandeln. Als nun aber trotz Wolmar's Protest Fistehl doch Arensdorff zugesprochen wurde, überließen die Vettern es Reinhold, diesen Prozeß auf alleinige Gefahr hin fortzusetzen, weil er das Näherrecht zu Fistehl hattet.

Nun unterblieb zwar Otto's Fahrt nach Pürkel, aber das Eis war gebrochen, und in einem ausführlichen Schreiben gestand ihm Otto seine Schuld ein, daß er ohne des Eigenthümers Einwilligung den Freiherrnbrief für seine Zwecke benutzt habe. Aber des Grollens, welches bereits zwölf Jahre gedauert, sei nunmehr genug. Denn er habe ihm Nichts geraubt von dem Seinigen, noch habe er sich Etwas angeeignet, was ihm nicht zukäme. Aus jugendlichem Eifer, die Ehre der alten Familie zu mehren, habe er sich verleiten lassen, die ihm anvertrauten Documente zu gebrauchen, um auch in Schweden den alten Freiherrntitel anerkennen zu lassen. Damit habe er den Vetter überraschen, nicht aber kränken wollen. Daher schlage er vor, durch Mittelsmänner den alten Zwist allendlich zu schlichten. Wolmar ging auf diesen Vorschlag ein; zu Mittelsmännern wurden ernannt: Reinhold Johann Baron Uexküll und Bernhard Otto Baron Lieven, die beiden Theilen verwandt und befreundet waren. Diese veranlaßten den alten Statthalter dazu, daß er selbst nach Reval kam, um sich hier mit seinem Vetter zu versöhnen.

Nachdem nun diese Versöhnung von beiden Seiten aufrichtig zu Stande gekommen war, vereinbarten sie sich dahin, in Veranlassung des Christinenbriefes ihr uraltes Hausrecht der gesammten Hand wieder unter sich aufzurichten und auch den Lechtigall'schen Vetter dazu einzuladen. Dieses geschah denn auch und wurde von Reinhold mit Freuden angenommen. Weil aber Otto keine Lehngüter besaß, stellte er am 24. Februar 1666 an Wolmar eine Obligation aus, daß er ihm für den Erbnamen in Pürkel 1000 Rth. zahlen wolle.

Darauf schlössen Wolmar, Otto und Reinhold Baron Ungern-Stern-berg am 25. Februar 1666 einen festen Erbvertrag ab, in welchem folgende Punkte stipulirt und festgesetzt waren: 1) Wolmar Baron Ungern-Stern-berg räumt seinen beiden Vettern alle Rechte und Titel ein, welche ihnen die Königin Christina in ihrem Diplom vom 27. October 1653 an Pürkel verliehen hat. 2) Dagegen zahlt Otto Baron Ungern-Sternberg, weil er kein Lehngut in die vetterliche Gesammtheit zu couferiren hat, an Wolmai 1000 Rth. Spec. laut seiner am 24. Februar ausgestellten Obligation, und 3) Reinhold Baron Ungern-Sternberg verstattet Wolmar die gesammte Hand in seinen Lehngütern Klein-Lechtigall und Sallenholm, worüber er die königliche Zulassung binnen Jahr und Tag einzuholen sich verpflichtet.

Somit hatte der lange Familienzwist zu einen, festen Bündniß geführt, und mit frohem Herzen eilte Otto nach beendigtem Geschäft nach Hause, wo er seine Frau bei ihrer Schwester in Weißenfeld traf. Hier rührte ihn Plötzlich am 7. März 1666 in der Nacht um 3 Uhr ein Schlaganfall, der seinem thatenreichen Leben ein unerwartetes Ende machte. Er wurde nur 39 Jahre alt. Seine Beerdigung in Reval fand am 20. Februar 1667 Statt, und die Leiche wurde von den Schwarzenhäuptern in einer Procession begleitet, wofür die Wittwe 3 Dukaten oder 6 Rd. verehrte.

Gemahlin: Helena von Zoege, geb. 1640 am 14. September, gest. 1690 am 10. März, Tochter des Obristlieutenant Joachim Friedrich v. Zoege, Herin auf Weißenfeld und Errestfer (gest. 1642), und der Helena Horn v. Kankas, Heinrich's Tochter, zu Wenden.

Sie lebte als Wittwe auf Linden und hatte 1672 einen Streit mit dem Major Hinrich Wunsch. Am 4. April 1675 verpfändete sie ihr Höfchen Lindebue auf vier Jahre für 800 Rth. an den Kap. Victor von Aderkas, und ihr Sohn Reinhold unterschrieb den Contract 1680 am 24. December. Im Jahre 1680 am 29. Januar verheirathete sie sich wieder mit dem Obristen Gustav Wrangell auf Kirdal und Kohhat. Sohn: Reinhold VII., gest. 1713, f. C 88.

F 83. Wolmar VI., Wolmar's V. (A 76) Sohn, Freiherr Ungern-Sternberg zu Pürtel, Statthalter zu Riga, f 1667.

1. Jugendzeit und erster Kriegsdienst 1622—1636.

Wolmar V. v. Ungern war 1613 Commandant von Gdow gewesen, wurde aber bei Eroberung der Festung von den Russen gefangen und nach Pleskau gebracht, wo er fast zwei Jahre zubringen mußte. Mit ihm, zu-sammen war auch sein siebenjähriger Sohn Wolmar in harte Gefangenschaft gerathen. Wolmar VI., geboren 1606 am 12. Juni, begleitete auch nach seiner Befreiung seinen Vater und wurde, da dieser 1617 Statthalter in Pernau geworden, zum Schreiben, Rechnen und anderen anstän-digen adelichen Tugenden angehalten und erzogen. Von 1622 bis 1630 diente er dem Feldherrn Jakob De la Gardie als Page.

Als Gustav Adolf nach Deutfchland aufbrach, folgte ihm Wolmar in dem Reiterregimente des Jürgen Aderkas von Klein-Lechtigall und diente 1631 in der Compagnie des Rittmeisters Reinhold Lieven als Cornet. Nach der Schlacht bei Lützen (1632 16/11) zum Lieutenant avancirt und in das Regiment des Obristen Reinhold Rofen übergeführt, zeichnete sich Wolmar in allen ihm anbefohlenen Commandos aus, besonders aber am 6. September 1634 bei Nördlingen, wo die bisher stets siegreichen Schweden zum ersten Male auf deutscher Erde besiegt wurden. Als sein Cornet erschossen war, ergriff Wolmar von Ungern selbst die Fahne und rettete sie, aber zwei Schußwunden, die er dabei erhielt, fesselten ihn ein halbes Jahr an's Krankenlager und nöthigten ihn dann, noch lange sich der Krücke zu bedienen. Nach hergestellter Gesundheit nahm er 1636 seinen Abschied als Kapitän und überraschte durch seine Heimkehr höchlichst seine Eltern, die ihn schon lange als Gefallenen betrauert hatten.

2. Güterbesitz.

Um Wolmar in der Heimath zu fesseln, trat ihm sein Vater von den Pürkelschen Gütern die Hoflage Vogelfang ab, und am 7. August 1637 belehnte ihn die Königin Christina mit Idel (oder Orgishoff), jedoch mußte Wolmar laut Urtheil des Hofgerichtes den Zoege'schen Erben 1642 ihren Pfandschilling auf Idel auszahlen.

Am 5. Februar 1638 heirathete Wolmar Sophie Uexküll, deren Onkel, Otto Uexküll zu Padenorm, ihm bei der Hochzeit 500 Rth. Spec. schenkte, über deren Empfang Wolmar Ungern ihm am 22. Februar dankbarst quittirte.

Nach dem Tode seines Vaters trat Wolmar Pürkel an, und am 15. September 1646 ertheilte ihm Christina die Confirmation auf dasselbe, da die Brüder seines Vaters keine Söhne hinterlassen hatten. Doch war er verpflichtet, der einzigen Tochter seines Oheims Johann IX. auf Korsäter (A 75), Anna, den ihr zukommenden Brautschatz aus Pürkel im Betrage von 3000 Thl. auszuzahlen. Dieselbe war 1629 mit dem Obristen Salomon von Sacken verheirathet, der 1647 am 8. Juli diese Summe in Empfang nahm.

Am 15. März 1654 fand in Padenorm die Erbtheilung Statt, nach welcher Wolmar an Magnus Nieroth auf Weetz für den Reichsrath Baron Erich Gyllenstjerna 100 Rth. Spec, an Schulden auszahlen mußte, obgleich der Reichsrath Einfpruch gegen obigen Erbvertrag erhoben hatte. Dagegen wurden Wolmar aus der Erbschaft der Frau Helena Horn der älteren, der Wittwe des Kriegsraths Otto Baron Uexküll-Güldenband, nach ihrem Testament von 1655 am 29. März die ihm vermachten 1000 Rth. ausgezahlt. Seinen Kindern, welche die Wittwe adoptirt hatte, waren außerdem noch 2700 Rth. bestimmt, zu welchen der Nichte Helena von Ungern noch 650 Rth. zugelegt wurden, weil sie ihrer Pflegemutter stets allen kindlichen Gehorsam erzeigt habe. Diese 2700 Rth. hatte Wolmar nach und nach von seinem Oheim Otto Uexküll-Güldenband geliehen, und jetzt wurden ihm die vier darüber ausgestellten Handschriften wieder zugestellt. Am 25. Februar 1666 schloß Wolmar auch mit seinem Schwager, dem Landrath Reinhold Johann Baron Uerküll-Güldenband, einen Erbvertrag ab, in welchem er ihm das Gut Heiküll nebst dem Hause auf dem Dom zu Reval überließ.

Die ausgedehnten Ländereien der Freiherrschaft Pürkel mit Vogelsang gaben der landwirthschaftlichen Thätigkeit Wolmar's seit seines Vaters Tode hinreichend Beschäftigung, doch gerieth er an den Gränzen und wegen seiner Ansprüche an Eichenangeln mit seinen Nachbarn öfter in Streit, und auch wegen der Gestühle und einer Begräbnißstätte in der Kirche zu Allendorf hatte er einen Zwist, der vom Hofgerichte zu Dorpat 1655 am 17. Febr. zu seinen Gunsten entschieden wurde.

An dem langen und unfruchtbaren Prozeß wegen des alten Stammgutes Fistehl nahm er mit seinen Vettern zu Linden und Klein-Lechtigall Theil. Als nämlich Magnus Aderkas 1661 gestorben war, und Fistehl an den Obriste Arensdorff vergeben werden sollte, meldete sich Wolmar als Bevollmächtigter seiner Vettern und als ältester und nächstberechtigter Erbe zu demselben. Bisher, sagte er, hat von der Krone Schweden Keiner seiner Familie Land erhalten, obgleich Viele von ihr sich wohl verdient gemacht und der Krone auch Summen vorgestreckt haben, die keine Interessen tragen. Daß weder Wolmar noch Reinhold das alte Stammgut wieder erhielten, ist bereits berichtet; denn das Recht der gesammten Hand war der schwedischen Krone, die vorzugsweise auf die Güterreduction bedacht war, ganz unleidlich. Die Fortsetzung des Prozesses gegen die Krone und O. W. v. Fersen hatte Reinhold auf eigene Gefahr übernommen, doch wurde sein Sohn 1684 am 18. September gänzlich abgewiesen und ihm ein perpetuum silentium über diese Angelegenheit auferlegt.

3. Eichenangern und Prozeß mit W. v. Stackelberg, 1646—1661.

Nach Richard's I. von Ungern (A 77) und seiner Brüder Tode hatte deren Schwester Elisabeth, Wittwe des Obristen Jost Clodt (gest. 1621), vor dem Jahre 1632 Eichenangern angetreten. Da sie eine unbeerbte Wittwe war, so unterhandelte Wolmar von Ungern mit ihr wegen der Abtretung von Eichenangern, weil sein Vater nach dem Ungern-scheu Hausrechte der Gesammthand als Vetter Richard's das Näherrecht gehabt habe, während sie und ihre Schwester Gertrud, so wie Richard's Tochter Elisabeth nur das Recht hätten, aus Eichenangern eine Aussteuer zu erhalten, die er ihnen auszuzahlen bereit sei. Darauf gingen die beiden Schwestern aber nicht ein, sondern vermachten am 15. Juli 1639 Eichenangern ihrer Nichte Elisabeth, die damals noch ein Kind war.

Auf sein gutes Recht fußend, beachtete Wolmar diese Schenkung nicht, weil er sie für gesetzwidrig hielt, und behandelte Eichenangern ganz als sein Eigenthum. Daher ließ er 1646 einen Theil der Felder besäen, worüber der Arrendator Schaafshausen beim Landgericht klagbar wurde. Dieses war der Beginn eines langwierigen Prozesses, der sich fast fünfzehn Jahre lang hinzog.

In seiner Eingabe an die Königin hatte Wolmar um Bestätigung von Pürtel und zugleich um Eichenangern gebeten. Die erste Bitte wurde gewährt, aber Eichenangern am 20. November 1647 der Elisabeth von Ungern und ihren Miterben confirmirt, wogegen Wolmar seinen Protest beim Hofgericht einreichte, ohne auf den königlichen Brief irgend eine Rücksicht zu nehmen. Er ließ daselbst säen und ernten, setzte widerspänstige Bauern in's Gefängniß oder ließ ihre Pferde und Ochsen eintreiben und bearbeitete mit denselben die Felder. Hierüber klagte Johann Tiesen-hausen als Vormund der Elisabeth v. Ungern beim Landrichter Heinrich Patkull zu Rosenheck, der Wolmar zum 13. October 1648 in das Haus des Bauern Lawe citirte, woselbst er ihm Rede uud Antwort geben solle. Weil er dort keine klare Einsicht in die Sachlage erhalten hatte, lud Patkull am 18. November 1048 beide Parten nach Lemsal ein, um dort während der Juridik ihren Streit zu entscheiden. Das Urtheil erfolgte am 11. December und legte Wolmar die Pflicht auf, der Elisabeth von Ungern das abgenommene Land mit den Einkünften der letzten zwei Jahre zu restituiren, die neu gezogenen Gränzen zu aunnlliren und sich aller Turbationeu zu enthalten.

Während dieses Prozesses heirathete Elisabeth v. Ungern, Richard's Tochter, Wolter v. Stackelberg, und am 20. August 1649 confirmirte Christina ihm und seiner Frau das Gut Eichenangern. Wolmar machte nunmehr einen förmlichen Prozeß gegen Stackelberg anhängig, nicht nur seines Näherrechts wegen, sondern einstweilen auch wegen der Gränze zwischen Vogelsang und Eichenangern. Da das Hofgericht säumig war, verklagte er dasselbe beim General-Gouverneur M. G. De la Gardie, der durch sein Schreiben vom 2. Mai 1650 die Herren zur Eile mahnte, worauf dann die Sache einer Commission zur Untersuchung übertragen wurde.

Während dieser Zeit, als Wolmar wegen seiner Gewaltthaten gegen seine Nichte zur Verantwortung gezogen wurde, ernannte ihn die Ritterschaft des Riga'schen Kreises 1650 am 8. Mai zum Assessor des Oberwaisengerichts, wodurch er sich nicht abhalten ließ, seinen Hader mit Stackelberg und dessen Frau offen zu Tage treten zu lassen. Es verbreitete sich nämlich bald nachher das Gerücht, er habe Stackelberg am 20. Juni 1652 auf dein Kirchwege überfallen und ihm seine Pferde erschießen lassen, sei aber selbst von Stackelberg durch und durch geschossen. Auf einer Taufe beim Landrath Hinr. Patkull auf Posendorf erzählte Johann Buddenbrock im offenen Gelage, Wolmar von Ungern habe ihm auf dem Wege mit seinen Völkern aufgelauert und ihn schelmischer Weise überfallen, und wiederholte diese letzteren Worte etliche Male. Da rief ihm Otto Johann Kostull zu: „Gottes Sacrament! Buddenbrock, höre auf und gedenke keines ehrlichen Kerls so hinter seinem Rücken!" Als nun Buddenbrock, dieser Mahnung nicht achtend, das Wort „Schelm" repetirte, sagte ihm Engelhard: „Hat er Dich wie ein Schelm überfallen, so hast Du Dich wie ein Schelm gewehrt." Dieses verdroß Wolter Stackelberg, und er sagte: „Buddenbrock, hörst Du, was Der sagt?" Dieser aber erhob sich und ging still hinaus.

Am 18. August wurden Wolmar von Ungern und Wolter von Stackelberg dieser Sache wegen auf Ansuchen des Fiscals Tinctorius vom Vicepräses W. Ulrich zum 20. Januar 1653 vor das Hofgericht citirt. Ungern bat, ihm die von Jakob Reutz wider ihn eingereichte Klageschrift zustellen zu wollen, weil er sonst die über sein Duell mit Stackelberg verbreiteten Gerüchte nicht zu widerlegen vermöge. Denn in ganz Liv- und Ehstland sei er jetzt als ein Schnapphahn und Buschmörder verrufen, und dieses Gerücht sei auch zu dem General-Gouverneur Grafen von Thurn nach Riga, ja bis zum Könige nach Schweden gedrungen. Vorläufig fühle er sich genöthigt, das Hofgericht in aller Kürze mit den Thatsachen bekannt zu machen, die vor und während des Duells vorgefallen seien.

Schon seit einiger Zeit," berichtete er", „habe ich mit meinem Nachbarn Stackelberg einiger Ländereien wegen im Streite gelebt welchen das Landgericht nicht geschlichtet, sondern ärger gemacht hat, weil der Landrichter Patkull zu parteiisch für meinen Gegner war. Dies habe ich ihm gesagt und das Hofgericht um eine Commission gebeten, die denn auch den Streit beigelegt hat, was jedoch den Landrichter sehr verdroß. Als dieser einige Wochen vor dem Duelle in Eichenangern eine Untersuchung wegen einer Kindesmörderin gehalten, ritt er mit dem ganzen Gerichte und mit Stackelberg über mein besäetes Feld, und hat somit der Landrichter den Weg gebahnt, der zum Duelle führte; denn Stackelberg hat fortan diesen Landrichterweg stets benutzt, wenn er zu seinen Stiefeltern den Fietings, oder zu dem Johann Buddenbrock zu reiten hatte. Von diesen Ereignissen erfuhr ich aber Nichts, weil meine Frau es mir zu sagen den Leuten auf's Strengste verboten hatte, bis ich auf meinem Umritte es selbst entdeckte. Nun schrieb ich sofort an Stackelberg, warum er mir durch's Korn geritten sei, und falls er Dieses auch ferner zu thun beabsichtige, solle er es mir schriftlich resolviren. Als meine Liebste mich schreiben sah, fiel sie mir um den Hals und bat um Gottes willen, den Zettel nicht abzusenden. Demnach unterließ ich es, setzte aber drei Kerle mit dem Befehle an das Feld, falls Stackelberg mir wieder durch's Korn geritten käme, ihm die Pferde zu erschießen. Am anderen Tage den 20. Juni 1652) ritt ich mit ungespannten Pistolen zur Kirche. Auf dem Wege fällt mir ein, daß ich die Pistolen nicht gespannt habe und sage zum Präceptor meiner Kinder: „Wenn der Teufel sein Spiel haben wollte, und der Stackelberg mir jetzt am Sonntage durch's Korn geritten käme, ohne daß ich gespannte Pistolen hätte, da dürfte ich mich ja vor keinem ehrlichen Manne mehr sehen lassen." Worauf der Präceptor scherzend erwiderte: Der kommt nicht zur Kirche." Ich antwortete: „Trau ihm der Fuchs," spaune meine Pistolen und reite weiter der Kirche zu. Die Bauernpredigt war noch nicht aus; ich steige vom Pferde, lasse es anbinden und warte, bis meine Liebste auch gefahren kommt. Da kein anderer Junker da war, setze ich mich vor meinen Krug, bis die Bauern aus der Kirche kommen. Da höre ich sie rufen: „Lukkur nak, lukkur uak!" Als ich aufsehe, stehen die Leute auf den Zäunen, und der Stackelberg kommt durch mein Korn daher geritten. Da fordere ich mein Pferd und reite ihm um die Kirche entgegen. Als er mich erblickt, kommt er im vollen Carriere auf mich los, und beide Schüsse fallen fast gleichzeitig. Bevor ich mein anderes Pistol ergreifen kann, umringen ihn Frauen und Kinder, so daß ich meines zweiten Schusses verlustig gehe. Ich reite fort, steige vor dem Kruge ab und werde ohnmächtig. Mein Amtmann lief in die Kirche und bat den Pastor um Wein, der ihm aber verweigert wurde. Bald erholte ich mich, setzte mich in meinen Wagen und fuhr nach Hause."

Aus dieser Auseinandersetzung, von deren Wahrheit sich das Hofgericht bei dem Verhöre vom 20. Januar 1653 vergewissert haben wird, ging zur Genüge hervor, daß sich Ungern nicht als Schnapphahn benommen, sondern als Ehrenmann seine Sache ansgefochten habe. Das Gericht scheint die Klage als unbegründet zurückgewiesen zu haben, worauf die Klatscherei verstummte.

Doch wurden die Gränzstreitigkeiten noch einmal wieder aufgenommen, und Wolmar appellirte vom Hofgerichte zu Dorpat, welches die Sache zu seinen Ungunsten entschieden hatte, an Se. Majestät und den Reichsrath. Deshalb bat er den Grafen M. G. De la Gardie wieder um eine Commission, die seinen Streit mit Stackelberg und das in Dorpat gefällte Urtheil untersuchen möge. Aber alles Prozessiren half ihm Nichts, weil die Krone das Recht der gasammten Hand nicht respectirte, und so wurde ihm denn endlich am 3. und 25. October 1601 Eichenangern nebst Pursküll ab und Stackelberg zugesprochen".

4. Der Freiherrnbrief 1653.

Bei einem Besuche in Pürkel hatte, wie oben berichtet ist, Otto von Ungern auf Linden die Familienpapiere entliehen und von Wolmar ein Zeugniß vom 30. Mai 1652 erhalten, daß er mit ihm blutsverwandt und in Pürkel erbberechtigt sei. Im Winter 1653 meldete Otto Baron Ungern von Sternberg seinem Vetter Wolmar, daß er ihn, sich und Reinhold v. Ungern zn Klein-Lechtigall als die drei einzigen lebenden Vertreter der Familie Ungern in den schwedischen Reichsfreiherrnstand habe aufnehmen und ihren alten Stammnamen Sternberg bei dieser Gelegenheit von der Königin habe renoviren lassen, womit er seinen lieben Vetter habe über-raschen und erfreuen wollen.

Wolmar von Ungern nahm es aber seinem Vetter sehr übel, daß er ohne seine Einwilligung dazu sein altes Freiherrnpatent benutzt, ja sich und Reinhold sogar das Erbrecht auf Pürkel von der Königin hatte confirmiren lassen. Statt des erwarteten Dankes beschwerte er sich bei seinem Waffenbruder Reinhold Baron U.-St. und verklagte seine Vettern sofort bei dem ehstländischeu Oberlandgerichte, weil sie ihn ohne sein Wissen und Willen zu einem schwedischen Freiherrn haben machen lassen. Er sei ein alter Freiherr des deutschen und römischen Reiches und wolle auch nichts Anderes werden, auch weder den Namen Sternberg noch das freiherrliche Wappen annehmen. Wollten seine Vettern sich baronisiren lassen, so könnten sie Dieses auf das Haus Sternberg, Linden oder Kiwidepä thun, nicht aber auf sein Haus Pürkel. Sein Protest wurde nicht beachtet, und Reinhold stellte ihm vor, daß in der Weigerung, das neue Wappen anzuerkennen, eine Majestätsbeleidigung gegen die Königin liege, da sie durch die Erhebung in den Reichsfreiherrnstand Schwedens seine Ehren hätte mehren und nicht mindern wollen. Da Wolmar einsah, daß mit diesem Proteste nicht durchzudringen war, wuchs sein Groll gegen Otto, von dem er mit Ungestüm seine Documente zurückverlangte. Dieser händigte ihm auch dieselben ein bis auf das alte Freiherrnpatent, welches dem schwedischen Reichsarchive einverleibt worden sein mag. Dieses vollendete den Bruch zwischen beiden Vettern, und Wolmar sprach jetzt Otto auch die Abstammung aus dem Hause Pürkelab, die er ihm doch früher selbst bescheinigt hatte.

Nach Verlauf mehrerer Jahre, welche durch die verhaugnißvollen Kriege mit Rußland ausgefüllt waren, hatte sich endlich Wolmar doch anders besonnen. Er ließ sich am 7, November 1660 als schwedischer Freiherr im Ritterhause zn Stockholm einschreiben und das von der Königin Christina verliehene Wappen daselbst aufhängen, worauf er am 15. August 1661 die Aufnahmegebühr in die schwedische Matrikel mit 400 Daler Kupfer und 160 Daler Silbermünze berichtigte. Diese Zahlung hatten wohl die drei Vettern zusammengeschossen, denn gleich darauf wurde Wolmar nebst Otto und Reinhold, welche damals ihrer Prozesse wegen in Stockholm anwesend waren, von dem Ritterschaftsmarschall Sparre durch eine stattliche Ovation der versammelten Ritterschaft incorporirt und immatriculirt, worauf sie aus dem Ritterhause um 11 Uhr in corpore in den Reichssaal zogen, in welchem die Königin Hedwig Eleonore den Reichstag eröffnete.

Nachdem Wolmar den Prozeß gegen Stackelberg verloren hatte, fing er an, sich eifrig mit seinem Stammbaum zu beschäftigen und Nachrichten über seine Ahnen zu sammeln. Unter Andern bat er auch den Landrath Reinhold von Buxhöwden in Oesel um Nachrichten über Weißenfeld in einem Briefe vom 29. April 1664. Darin berichtete er: “Mein Eltervater Jürgen v. Ungern hat Wittenfelde besessen und wegen seiner nach Deutschland im Auftrage der Ritterschaft unternommenen Reise verpfändet, konnte es aber wegen des moskowitischen Einfalles nicht wieder einlösen. Er mußte sich vielmehr nach Reval retiriren und wurde zum Feldhauptmann der Ritter- und Bürgerschaft gegen die Russen erwählt. Gegen diese Feinde zog er in seinem Harnische und mit seinem Schlachlschwert aus animirte seine Schaar, wurde aber nebst einem B. M. und dem Eltermann der schwarzen Hövden sammt vielen vom Adel und der Bürgerschaft von den Russen auf den Sandbergen überfallen und niedergehauen, wie es die drei steinernen Kreuze und das Denkmal mit seinem Bilde und Namen noch heute ausweisen."

Dieser Brief liefert uns ein Pröbchen, mit wie viel Phantasie und wenig Studium die alten Herren ihre Stammbäume zusammengestellt haben Denn Jürgen IV. von Ungern zu Pürkel starb 1534, und erst 1560 fiel jenes Scharmützel bei Reval vor, in welchem Jürgen VII. von Ungern zu Pajak (B 44) fiel. Ein Denkmal, welches das Bild oder den Namen dieses auf den Sandberge gebliebenen Ungern getragen, hat schwerlich existirt. So können wir uns denn nicht wundern, daß Wolmar nach den wenigen ihm zu Gebote stehenden Nachrichten ganz unberechtigter Weise seinem Eltervater Jürgen einen Vater Reinhold vindicirte und diesen zum Sohne des Merten von Ungern machte. Auch seinem Vetter Otto nahm er seinen Eltervater Jürgen und schanzte ihm dafür dessen Bruder Reinhold zu. Ob hier aber nur Phantasie im Spiele gewesen oder auch hie Absicht, ihn mit seinen Erbansprüchen an Pürkel möglichst fern zu halten, mag dahin gestellt bleiben. Doch hat dieser Stammbaum ungeachtet seiner vielen groben Fehler bis heute als richtig gegolten.

Durch die gemeinsame Aufnahme in's Ritterhaus zu Stockholm war eigentlich der Gegenstand des Streits gehoben, doch hat das Mißverhältniß mit Otto noch fortgedauert. Als dieser aber durch einen sehr freundschaftlichen Brief vom 4. März 1665 seine Geneigtheit aussprach, an dem Prozeß wegen Fistethl Theil zu nehmen, und seinen Besuch in Pürkel ankündigte, zeigte auch Wolmar sich bereit, den alten Groll fahren zu lassen und Mittelsmänner zu erwählen, damit der zwölfjährige Zwist endlich ge-schlichtet werde. Demgemäß übertrug er die Vermittlung von seiner Seite seinem Schwager, dem Landrath Reinh. Joh. v. Uexküll-Güldenband, Freiherrn zu Padenorm, während Otto den Baron Lieven zu seinem Mittelsmann erwählte. Diese Herren begaben sich nach Riga und stellten dem Statthalter vor, wie das ganze Versehen seines Vetters sich darauf reducire, daß er ohne Rücksprache mit ihm seine Documente gebraucht habe, um ihn und sich in den schwedischen Freiherrnstand aufnehmen zu lassen. Wolmar habe ja selbst diesen Schritt bestens acceptirt, indem er 1661 sich in Schweden habe immatriculiren lassen, und welches Gewicht auch er auf ihren alten Stammbaum lege, sei allgemein bekannt. Es handle sich hier also eigentlich nur um das Erbrecht in Pürkel, welches die Königin Christina seinen beiden Vettern zugleich verliehen habe. Aber auch dafür sei er Otto eigentlich zu Dank verpflichtet; denn wie er ihm deshalb grollen könne, daß er ihr altes Hausrecht der gesammten Hand zugleich mit dem Stammnamen Sternberg ihnen habe confirmireu lassen, sei unfaßbar, da ja Wolmar selbst so hoch auf dieses Recht halte. Es komme also nur darauf an, daß er sich in den Gütern seiner Vettern dasselbe Recht ertheilen lasse, welches sie in dem seinigen besäßen, und dazu seien die Vettern bereit. Somit würde auch dieser Punkt zu Wolmar's Vortheil ausschlagen, denn er habe vier Söhne, während seine beiden Vettern nur drei Söhne hätten. Diese Gründe schlugen durch, und Wolmar versprach, selbst nach Reval zu komme, um die Sache zu ordnen. Am 25. Februar 1666 schloß er dann zu Reval den Erbvertrag, durch welchen die drei Vettern das uralte Recht der Gesammthand in ihren Gütern unter sich erneuerten und die verwandtschaftliche Freundschaft wieder herstellten.

5. Belagerung von Dorpat 1656.

Alle Privathändel mußten abgebrochen werden, als König Karl X. Gustav, der seit dem 6. Juni 1654 den Thron Schwedens inne hatte, den Krieg gegen Polen mit Ernst wieder zu erneuern Anstalt machte. Auch Wolmar von Ungern wurde aus seiner friedlichen Ruhe geschreckt, in welche er sich als verwundeter Krieger zurückgezogen hatte. Denn noch in demselben Jahre gab der neue König dem Feldherrn Gustav Graf Horn 1654 die Ordre, einige bekannte livländische Cavaliere zum Kriegsdienste und zu Werbungen zu engagiren. Graf Horn wandte sich auch an Wolmar und persuadirte ihn, aus eigenen Mitteln eine Compagnie Reiter zu werben und auszurüsten. Diese Reiter führte Wolmar 1655 nach Littauen, trat mit ihnen als Major in das Regiment des Obristen Fittinghof ein und begleitete seinen König auf seinem Siegeszuge durch Littauen und Polen, welche derselbe sich in unglaublich kurzer Zeit unterwarft.

Als der Zar Alexey Michailowitsch 1650 Schweden den Krieg erklärte und zum Einfall in das von Truppen entblößte Livland heranzog, sah sich der König Karl X. genöthigt, einen Theil seines Heeres ihm entgegen zu stellen. Unter diesen nach Livland zurückgeschickten Truppen scheint auch Wolmar von Ungern gewesen zu sein. Der General-Gouverneur und Feldherr Graf Magnus Gabriel De la Gardie suchte nach Möglichkeit die Befestigungen der Städte in Stand zu setzen und sie mit Besatzung zu versehen, Wolmar v. U. wurde zum Obriftlieutenant erhoben und erhielt die Ordre, mit seinen 200 Reitern nach Dorpat aufzubrechen, wo er unter dem Landeshauptmann Lars Flemming die Vertheidigung dieser Stadt übernahm. Der Zar, welcher mit 100000 Mann gegen Riga zog, schickte von Kokeuhusen aus zur Belagerung des schlecht befestigten und schwach besetzten Dorpat 40000 Mann ab, welche im December die Stadt einschlossen und zur Uebergabe aufforderten. Flemming gab die trotzige Antwort, er habe ihnen nur Pulver und Kugeln, sowie die Spitze seines Schwertes zu bieten. Dabei benahm er sich aber gegen die Bürger, deren etwa 200 an der Vertheidigung Theil nahmen und Tag und Nacht auf den Wällen Dienste thaten, auf das Uebermüthigste und ließ sogar ihren Bürgermeister ungerechter Weise einsperren. Auch Wolmar's Reiter behandelte er schlecht, obgleich diese durch unermüdlichen Dienst und häufige Ausfälle das größte Lob verdient hatten. Der Gouverneur von Ehstland Bengt Horn war mit der ehstländischen Adelsfahne bis auf eine Meile vor Dorpat gelangt, aber er hatte sich vergeblich bemüht, zu den Belagerten durchzudringen. Als nun die Russen Bresche geschossen hatten, capitulirte der hochfahrende Flemming am 12. October 1656, ohne auf Wolmar's Protest zu achten. Denn da der Zar bereits die Belagerung Riga's hatte aufgeben müssen und im Abzuge begriffen war, hätte eine nur noch einige Tage forlgesetzte Vertheidigung sicher den Schweden die wichtige Festung erhalten. Der Besatzung wurden übrigens ehrenvolle Bedingungen zugestanden und treu gehalten, worauf sie nach Reval abzog. Am 11. October 1656 erschien der Obristlieutenant Wolmar v. Ungern vor dem Dorpater Rathe und reichte gegen die bevorstehende Kapitulation seinen Protest und Bewahrung schriftlich ein. Er klagte darin, daß Flemming seine Reiter während der Belagerung rücksichtslos behandelt und alle guten Anschläge zur Rettung der Stadt fast höhnisch abgewiesen habe.

6. Statthalterschaft zu Riga 1658—1666.

Durch ein über sein braves Benehmen in Dorpat ihm vom Rathe der Stadt ausgestelltes Attestat rechtfertigte sich Wolmar wegen des Verlustes der Festung auch vor seinem Oberfeldherrn, dem Generalissimus der schwedischen Truppen in Livland, dem Grafen Magn. G. De la Gardie, auf das Vollständigste. Daher ernannte ihn dieser in Anerkennung seiner Verdienste 1658 zum Statthalter in Riga. In welchem Zustande aber damals die Statthalterei war, geht aus dem Berichte Wolmar's an den Gencralgouverneur hervor. In diesem ausführlichen Schreiben klagt er bitter über die Nichtachtung seines Amtes und die Schwierigkeiten seiner Stellung. „In dieser betrübten Zeit," sagt er, „sind dem Statthalter alle Mittel, sich Achtung zu verschaffen, genommen, ja es fehlt sogar an den nöthigen Lebensmitteln und unentbehrlichsten Einkünften. Als Statthalter habe ich die Verpflichtung, die Gränzen der Kronsgüter vor Eindrang zu wahren, habe aber keinen Mann zu meiner Disposition und kann unmöglich allein jedem Obristen, Landrathe oder Burggrafen die Spitze des Degens bieten. Ohne Secretär, ohne Geld und ohne Gage habe ich mich nun schon bis ins dritte Jahr beholfen und aus eigenen Mitteln meinen Lebensunterhalt bestritten, darf aber diese Unordnungen nicht mehr so fortgehen lassen, weil die Kronsinteressen dadurch geschädigt würden. Daher bitte ich dringend, falls ich diesem Posten noch ferner vorstehen soll, meiner Charge die gebührende Achtung verschaffen zu wollen und mir wenigstens sechs Hakenschützen beizuordnen, damit meine Befehle ausgeführt werden. Denn jetzt muß ich mich, wenn ich Soldaten brauche, bittend an die Offiziere wenden, werde aber oft von diesen spöttisch abgewiesen, wodurch nicht sowohl meine Person als mein Amt bloßgestellt wird." Der Graf De la Gardie scheint auch die Abstellung dieser Uebelstände herbeigeführt zu haben, denn Wolmar blieb Statthalter, solange er lebte.

7. Wolmar's Ende und Familie 1667.

Kurz nach ihrer Versöhnung schlössen die beiden Vettern Otto und Wolmar ihr thatenreiches Leben, jener gleich darauf, dieser aber, nachdem er ein Alter von fast 61 Jahren erreicht und seit dem 20. Februar krank gelegen hatte, am 3. April 1667. Er wurde in der Jakobstirche zu Riga begraben, und der Pastor Johann Breverus hielt ihm die Leichenrede, in welcher nach damaliger Sitte seine sechszehn Ahnen aufgezählt wurden und eine detaillirte Lebensbeschreibung folgte, aus welcher größtentheils die im Vorhergehenden erzählten Data geschöpft find.

Am 5, Juli 1675 kaufte Wolmar's Wittwe Sophia für 100 Albertsthaler eine Grabstätte in der St, Jakobstirche zu Riga zum Erbbegräbnis; und ließ einen Leichenstein mit dem Wappen ihrer und ihres Mannes Ahnen darauf lege, der 1792 weggeschafft und wohl verloren gegangen ist.

Wolmar heirathete 1638 am 5, Februar Sophie von Uexküll, Tochter des Obristen Johann v, U. auf Padenorm und der Anna von Maydell von Herküll, die beide am 1. April 1648 starben.

Wolmar's Kinder" waren:

1. Otto VII. Johann, gest. 1705, f. F 89.

a. Helena, lebte 1694 als Wittwe',Sie heirathete um 1668 am 19. Februar den Landrath und Obristen Otto Baron Mengden zu Kussen und Lubey in seiner dritten Ehe, geb. 1600, starb 1681 am 26, Februar. Wegen verschiedener Mißhelligkeiten verließ sie ihren Eheherr, kehrte aber nach einer durch Vermittelung ihres Schwagers Jakob Stael v. Holstein (gest. 1679) abgeschlossenen Vereinbarung von, 7. März 1673 zu ihm zurück.

  1. Georg XVI. Konrad, Landmarschall, gest. 1708, f. F 90.

b. Anna Sophia, geb. um 1645, gest. um 1720 in Stockholm. Sie heirathete:

1. um 1603 den Obristen Jakob Stael von Holstein, spätern Kriegsrath, Landrath und Generalmajor, der im Duell von Gustav Baron Mengden verwundet 1679 am 2. October starb, weshalb seine Wittwe einen langen Prozeß gegen den Mörder führte;

2. um 1683 den Obristen, spät, Generallieutenant und Gouverneur in Riga Reinhold Johann Baron Fersen, Freiherr zu Kronendal, Herrn zu Mart, Wallküll, Jegelecht, Abbia, Pallofer, Laup und Poll, der 1712 Graf zu Granhammar wurde und 1716 am 10. December in Stockholm starb.


3. Magnus Christer, Obristlieutenant, gest. 1710, s. G 91.

4. Nils VII. Alexander, Generallieutenant, gest. 1721, s. G 92.

c. Lovisa Ebba, heirathete Karl Gustav Clodt von Jürgensburg, gest. 1723, Herrn zu Bersenhof und Festen, Obristlieutenant, später Obercommandant in Riga und Landrath.

d. Hedwig Barbara.

B 84. Nikolaus VI., Gottschalk's III. (B 78) Sohn, Herr auf Wallhof 1672—98.

Die Nachrichten über die Söhne Gottschall's sind sehr fragmentarisch, und nur aus einer schwedischen Stammtafel, sowie aus den Angaben über seinen Sohn Jakob Heinrich (B 93) können wir schließen, daß er der Besitzer von Wallhoff gewesen sei. Wahrscheinlich war er derselbe Nikolaus, der mit seinem Bruder Gerhard zusammen in dem Hofe und an den Gränzen eines Gutes im Kreise Doblen verschiedene Gewaltthätigkeiten ausgeübt und Drohungen ausgesprochen hatte, worüber der Besitzer, Johann von Kievelstein, am 10. Mai 1672 beim Herzoge sich beschwerte. Im Jahre 1681 lebte eine Frau Auguste von Sternberg mit ihrer Tochter Anna Sophia von Ungern-Sternberg auf Kulgülden in Kurland. Vielleicht war diese seine Frau.

Im Jahre 1698 war Nikolaus in Stockholm und wurde von Jürgen Reinhold Baron U.-St. als Vetter anerkannt. Vielleicht vereinbarte er sich dort mit seinen Verwandten wegen des freiherrlichen Titels; sein Sohn nannte sich Baron Sternberg, genannt Ungern.

Es ist von ihm nur ein Sohn bekannt, nämlich Jakob II. Heinrich s. B 93.

B 85. Simon, Thomas' (B 79) Sohn, auf Tadolino 1685.

Er wird im Polnischen Szymon geschrieben und mag das Gut Tadolino bei Witebsk etwa 1685 angetreten haben, da sein Vater am 5. Januar desselben Jahres sein Testament gemacht hatte.

Seine Gemahlin war Petronella Walowicz.

1. Michael I. um 1732, s. B 94.

B 86. Fabian Ernst I., Reinhold's V. (B 81 Sohn, General-adjutant, Landrath, Herr auf Klein-Lechtigall, Kiwidepä, Erras, Hohenfors und Sommerpahlen, geb. um 1640, gest 1708.

1. Feldzug nach Preußen 1678.

Der Obristlieutenant und Landrath Reinhold Baron Ungern-Sternberg ließ seine Söhne Fabian Ernst und Jürgen Reinhold frühzeitig dem Kriegsdienste sich widmen, doch ist aus dieser Zeit wenig bekannt. Beide befanden sich 1664 und 1671 in Reval. Fabian Ernst ging 1667 nach Deutschland und diente drei Jahre lang im Herzogthum Bremen. Bei seiner Rückkehr trat er als Cornet in die ehstländische Adelsfahne und war 1678 als Rittmeister mit 3 Pferden zum königlichen Dienste von der Ritterschaft verordnet.

In Schweden hatte nach Karl X. Gustav's Tode Friede geherrscht, bis Karl XI. bald nach seiner Thronbesteigung, nach kriegerischen Ehren begierig, den heimlichen Anreizungen Frankreichs nachgab und gegen den großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg einen ebenso unüberlegten als unglücklichen Krieg begann.

Die Niederlage bei Kehrliellin 1675 zwang die Schweden, sich zurück-zuziehen, und der große Kurfürst hatte in kurzer Zeit ganz Pommern erobert. Nach langer, tapferer Vertheidigung fiel am 12. December 1677 Stettin in seine Hände, und am 15. October 1678 mußte Otto Wilhelm Königsmark auch Stralsund und Greifswald den siegreichen Brandenburgern einräumen. Um nun das verlorene Gebiet wieder zu gewinnen, beschloß Karl XI., ein Heer unter dem tapferen Fabian von Fersen aus Livland nach Preußen zu senden, nachdem durch den Tod des Zaren Alexey (1678 Jan.) die Gefahr eines Einfalls der Russen gehoben war. Nach langen Unterhandlungen mit Polen wegen des Durchzuges durch Samogitien wurden die Vorbereitungen zu einer nachdrücklichen Hülfe für das in Stettin und Stralsund hart bedrängte schwedische Heer getroffen. Doch vereinigten sich verschiedene Umstände, den Abmarsch zu verzögern. Der tüchtige Feldherr Fabian v. Fersen starb auf der Reise, sein Nachfolger Bengt Horn, Freiherr von Aminne, hielt sich seiner Hochzeit wegen mehr als einen Monat zu lauge in Schweden auf, wurde nach Finnland verschlagen, wo seine Schiffe einfroren, und mußte zu Lande um den finnischen Meerbusen herumreisen, wobei er sich so erkältete, daß er in Riga am 7. Februar 1678 starb. Sein Bruder Krister Horn wollte oder konnte den Oberbefehl nicht übernehmen, und der tapfere General Otto Wilhelm Baron Fersen wurde durch Hofkabale verdrängt, worauf denn der König nach mehrfach geänderten Entschlüsse dem sechzigjährigen tapferen aber bisher immer unglücklichen Heirich Horn den Oberbefehl anvertraute. Zu diesen Verzögerungen kam noch die Feuersbrunst in Riga, die im Sommer 1677 einen großen Theil der gesammelten Vorräthe verzehrt hatte. So standen denn 12—18000 Mann in Livland bis zum Herbst 1678 unthätig, während der Kurfürst Friedrich Wilhelm ganz Pommern eroberte.

Indessen wurden die Vorbereitungen fortgesetzt, und am 3, Juni 1678 erhielt der Generalmajor Jürgen Bistram den Auftrag, ein Regiment von 500 Reitern zu werben, mit dem Rechte, die Offiziere selbst zu ernennen. Bistram erhob den Rittmeister Fabian Ernst Baron Ungern-Sternberg zum Major, beauftragte ihn am 4. Juni, 33 Reiter anzuwerben, und bewilligte ihm zur Ausrüstung derselben 45 Rthl. für jeden Mann; wenn er diese Reiter zusammengebracht habe, wolle Bistrain durch noch 50 Reiter seine Compagnie vervollständigen, mit welcher er sich dann seinem Regimente anzuschließen habe.

Im Herbste 1678 sammelte sich das Heer in Riga und mußte von dort bei den schlechtesten Wegen in Eilmärschen nach Preußen aufbrechen, ohne daß für Proviant gehörig gesorgt war. Aus ganz Liv- und Ehstland waren Schießpferde ausgeschrieben, welche die Armee nach Preußen und zurück begleiten mußten. Auch Fabian Ernst, den der General Henrich Horn znm Generaladjutanten zu Roß ernannt hatte, nahm nun an der so lange verzögerten und unter den unglücklichsten Anzeichen unternommenen Expedition Theil.

Ohne auf den Rath seiner Offiziere zu achten, setzte Horn das schlecht verproviantirte Heer, das aus etwa 10000 Mann bestand, bis Memel und Tilsit, wo es krank und verhungert ankam, Nichts ausrichtete und bei Annäherung des großen Kurfürsten, der über das Eis des frischen und kurischen Haffs ging, seinen fluchtähnlichen Rückmarsch wieder antreten mußte, immer verfolgt von den Preußen, so daß nach Riga im Anfange des Februars 1679 nur etwa 2500 Mann zurückkehrten. Bei Groß-Essern in Kurland kam es am 18, Januar zu einem ernstlichen Gefecht, welches aber wieder mit einer Niederlage der Schweden endigte und in welchem der Major von Ungern verwundet wurde.

Der Friede zu Nimwegen, welcher zwischen Ludwig XIV. und dem deutschen Kaiser am 5. Februar 1679 zu Stande kam, gab Karl XI. demunerachtet Pommern und seine übrigen Besitzungen wieder zurück. Da kein Geld vorhanden war, um den Offizieren ihre Gagen auszuzahlen, ließ sich der Generaladjutant Ungern-Sternberg am 13. Februar 1679 das Zeugniß ansstellen, daß er 450 Rthl. an rückständigem Gehalte zu fordern habe, und nahm am 20. December seinen Abschied, weil der König die Auflösung der ganzen Armee anbefohlen hatte. Um die Anerkennung seiner Charge, die den Rang eines Obristlieutenants verlieh, bat Fabian Ernst späterhin mehrmals vergeblich, und erst 1698 am 18. Juli bestätigte ihm Karl XII. diese Würde mit der Anciennität von 1679, womit er den verdienten Mann, der schon längere Zeit Landrath war, nach fast zwanzigjährigem Harren sehr überrascht haben muß, da derselbe noch drei Wochen später sein Anrecht in einer Supplik an den Generalgouverneur zu deduciren sich veranlaßt sah.

2. Landesdienst.

Von Riga begab sich Fabian Ernst nach Klein-Lechtigall zu seinem, Vater, dem er schon vor seinem Feldzug in der Landwirthschaft behülflich gewesen zu sein scheint. Im Anfange des Jahres 1678 war er zum Manngerichtsassessor erwählt worden und fungirte als solcher am 4, Februar. Im Jahre 1683 und 1686 war er Mannrichter und wurde am 18. Januar 1692 zum Landrath erwählt. Schon einige Tage nachher, am 12. Februar, wurde er nebst einigen anderen Commissären vom OLG(Obere Lands Gericht?). beauftragt, die Gränze zwischen Kuckers und Türpsal in Augenschein zu nehmen und den Streit zu entscheidend Welche Achtung und Liebe er als Landrath sich bei seinen Standesgenossen erworben, geht daraus hervor, daß ihm achtzehn Herren eine große silberne Kanne mit ihren Wappen und Namen verehrten, für welches Geschenk er am 18. Februar 1695 ihnen seinen Dank aussprach. Der Preis der Kanne belief sich auf 117 Rth, Sp., woraus sich schließen läßt, daß das Gewicht etwa 5 Pfd. betragen haben mag.

Im Kirchspiel Röthel, in welchem sein Gut Kiwidepä lag, verwaltete er viele Jahre das Amt eines Kirchenvorstehers und nahm sich des Pastors und der Kirche mit lebhaftem Interesse an. Als er 1680 dem Priester Tobias Winterberg (gest. 1682 am 25. Jan.) die ihm als Gerechtigkeit zukommenden vier Tonnen Korn zuschickte, fügte er als Geschenk noch vier Tonnen hinzu, wofür ihm der Pastor am 19. Februar seinen Dank aussprach.

Bei der Baufälligkeit des Pastorats verabredeten die Mitglieder des Kirchenconvents eine Reparatur. Deswegen begaben sich die Kirchenvorsteher von Röthel, der Major und Mannrichter Reinhold VII. von Ungern-Sternberg (C 88) zu Linden und Otto von Kursell zu Sinnalep, zu dem Oberkirchenvorsteher Landrath Fabian Ernst Ungern-Sternberg in Reval und beschlossen einstimmig, daß fortan alle Kirchengebäude vom ganzen Kirchspiele gebaut und unterhalten werden sollten.

Nach Erwerbung von Erras wurde er auch im Kirchspiele Luggenhusen zum Kirchenvorsteher gewählt und gestattete dem Pastor Martin Closius, mit dem er auch sonst in freundlichen Correspondenzen und Beziehungen stand, die Benutzung des Hofswaldes für die Dauer seiner Lebenszeit, so daß er ohne Hinderung aus dem Busch freies Brennholz nach Bedarf holen lassen dürfe, welche Vergünstigung er aber nicht als ein Recht beanspruchen, auch nicht auf seinen Nachfolger übertragen zu wollen versprach. Nach dem Tode des Pastors M. Closius wurde bei den unsicheren Zuständen in Wierland und dem beständig drohenden Ueberfalle der Russen die Kirchen-lade von Luggenhusen nach Reval gebracht, am 23. Februar 1703 daselbst von den Kirchenvorstehern untersucht und das darin befindliche Geld nachgezählt.

Schon als Fabian Ernst 1684 die dem Baron Sparre gehörigen Güter der früheren Grafschaft Leal verwaltete, erhielt er ein Schreiben von seinem Freunde [und Vetter] Tönnis Johann von Bellingshausen auf Paddas, worin er ihn 1684 am 29. Nov. bat, sich für die Wahl seines Studiosen zum Pastor in Karusen zu interessiren.

3. Klein-Lechtigall.

Reinhold V. hatte von seinem Vater Hohenfors in Finnland, von seiner Mutter, Anna v. Kursell, Kiwidepä und das Anrecht an Sommerpahlen geerbt und erhielt mit seiner Frau noch KIein-Lechtigall und Kollenäs im Ksp, Nuckö. Letzteres vertauschte er an den Grafen Magnus Gabriel De la Gardie gegen Hallick oder Hamborg's Gut, welches an Kiwidepä gränzte. In seinem Testamente bestimmte Reinhold Klein-Lechtigall für seineu ältesten Sohn Fabian Ernst, Kiwidepä und Hallick für dessen Bruder Jürgen Reinhold. Hohenfors und, wenn es wieder gewonnen werden könnte, Sommerpahlen sollten sie theilen. Schon vor seinem Feldzuge übernahm Fabian Ernst die Verwaltung von Kiwidepä, und nachher übertrug ihm der Baron Sparre die Aufsicht über die zu Schloß Leal gehörigen Güter, Später erwarb er durch Heirath und Kauf Erras und arrendirte Mehntack,

Klein-Lechtigall war, wie oben berichtet, 1624 dem Jürgen Aderkas bestätigt, der es seinem Sohne Magnus hinterließ. Nach dessen Tode fiel Klein-Lechtigall seiner Tochter Dorothea und ihrem Gemahl Reinhold V, von Ungern zu, der es seinen Söhnen übergab. Diese vereinbarten sich denn auch schon am 17. Mai 1679 mit ihrem Schwager Tönnis Johann v. Bellings hausen wegen seines Antheils an dem Pfandschilling von Klein-Lechtigall und zahlten ihm 1679 am 17, Mai die ihm zustehenden Summen aus, wie sie auch 1680 am 4, Februar ihren Neffen Friedrich Fabian Raspe oder Rappe befriedigten.

Obgleich dem Obristlieutenant Reinhold Baron U.-St. der Besitz des Gutes mehrmals confirmirt und auch seinen Söhnen 1680 am II. October von Karl XI. zugesichert war, so machte doch die Reductionscommission die Anrechte der Krone an dasselbe als ein altes Kronslehn geltend und zog es 1686 am 3. September ein. Gemäß der Verordnung des Königs, daß den Gliedern der Familien, denen ein längere Zeit besessenes Gut zum Besten der Krone abgesprochen war, vorzugsweise dasselbe zur perpetuellen Arrende gegeben werden solle, wurde diese Vergünstigung auch Reinhold's Sohne zu Theil, und J. Reinhold schloß daher 1690 am 10. Mai mit dem königlichen Kammercollegio einen Pachtcontract über Klein-Lechtigall, nach welchem ihm ein Drittel der Pachtsumme erlassen wurde. Da aber J. Reinhold theils durch sein Amt als Commandant von Bahus, theils durch die Verwaltung seiner anderen Güter Neu-Uchten und Sommerpahlen zu sehr in Anspruch genommen war, so scheint Fabian Ernst noch die Ober-aufsicht behalten zu haben und mußte zur Befestigung von Reval 1706 aus dem Walde von Klein-Lechtigall Pallisadenbalken stellen.

4. Kiwidepä und Hallick.

Kiwidepä oder Kidepä, am Ufer der Einwiet im Ksp. Röthel belegen und durch den bedeutenden Fischfang einträglich, war ein altes Erbgut der Familie Kursell und hatte schon 1593 Henrich Kursell gehört, der es seinen Nachkommen vererbte. Durch die Heirath mit Anna Kursell, Wolter's Tochter, erhielt Fabian III. von Ungern das Erbrecht an Kiwidepä, und seine Wittwe vereinbarte sich 1624 mit den übrigen Erben, namentlich mit Erich Ryning und Erich Horn, indem sie nebst ihrer Schwester Maria ihnen für ihre Ansprüche 3000 Rth. auszahltet.

Reinhold V. verband mit Kiwidepä das Gut Hallick oder Hamborg's Gut, welches er 1661 vom Grafen M. G. De la Gardie gegen Kollenäs eingetauscht hatte, und besaß beide Güter ungestört gegen Zahlung der Kronsabgaben, bis die Reducttionscommission die Einziehung anordnete. Vergeblich supplicirte Fabian Ernst 1682 am 22, Februar um Befreiung von der Reduction. Doch erwirkte er soviel, daß ihm das Gut Kiwidepä zur perpetuelen Arrende mit Erlasfung eines Tertials zugestanden wurde, nur sollte er der Krone die Revenüen von 1681 an zahlen. Dagegen stellte F, Ernst (1682?) vor: „Hasik und Kidipä waren vor Zeiten ein-herrig, bis sich die Brüder Jost und Wolter Kursell getheilt. Wolter's Tochter, Anna Kursell, meine Großmutter, hat den Erbantheil ihres Schwa-gers Erich Ryning an Kidepä 1624 mit 3000 Rth. an sich gebracht. Nun soll ich von 1681 ab der Krone die Arrende für Kidepä zahlen, während Hasik auf so lange davon befreit ist, bis die Krone von den Ver-käufern den Pfandschilling eingetrieben hat. Daher bitte ich, von dieser Zahlung befreit zu bleiben, bis mir von den Ryning'schen Erben die 3000 Rth. ausgezahlt worden sind."

In Folge dieser Bitte sicherte die Reductionscommission nach dem königlichen Befehl von 1689 am 27. April dem Baron von Ungern-Steinberg den ruhigen Besitz des Gutes zu, bis er von den Erben der Verkäufer zufrieden gestellt sei. Diese sollten auch zur Einlösung des Gutes mit den Renten von 1681 an verpflichtet sein. Die dagegen geltend gemachten Einwendungen des Grafen Axel Stalarm, daß beim Verkauf nicht ausdrücklich die Eviction präcavirt sei, wurde zurückgewiesen, weil eine solche Gewährleistung gegen fremde Ansprüche sich nach den königlich-schwedischen Gesetzen von selbst verstehet Doch wurde später Kiwidepä als Kronseigenthum angesehen und dem Grafen Joh. Stenbock zugewiesen. Fabian Ernst bekam es erst nach langem Sollicitiren zur Perpetuellen Arrende mit Erlassung eines Drittels. An Arrende hatte er 100 Rth. Sp. zu zahlen, über deren Empfang Reinhold Baron U.-St. als Bevollmächtigter des Grafen Stenbock 1704 quittirte. Außerdem mußte er noch Magazin-oder Zollkorn, Lebensmittel und Kleidung für die Reiter, Rekruten, Fußarbeiter, Fuhren von Heu und Stroh und andern Abgaben an die Krone stellen, abgesehen von den in der Ritterschaftskanzlei zu zahlenden Laden-und Bewilligungsgeldern, die für Kiwidepä und Hallick jährlich 3 Rth. Sp. ausmachten.

Der Zustand des Gutes war durch die hohen Leistungen und durch Mißwachs deteriorirt, und mehrmals mußten die Bitten um Ermäßigung der Leistungen wiederholt werden. Daß die ohnehin holzarme Gegend vollständigen Mangel an Bauholz gehabt habe, geht daraus hervor, daß der Besitzer sich 1707 am 26. Juli von seinem Schwager Antoni Philipp von Salza die Erlaubniß erbitten mußte, von Paenküll, also auf eine Ent fernung von fast 7 Meilen, Zaunholz und Pfosten zur Einfriedigung des Gartens holen lassen zu dürfen.

Ueber die Entweichung der Erbbauern mußte der Landrath Fabian Ernst oft klagen, und einer derselben hielt sich seit 1695 im Gebiete des Obristlieutenant Gustav Johann Maydell auf dem Gute Payomois im Ksp. Goldenbeck auf. Einen Privatbrief des Landraths beantwortete Maydell 1706 am 17. Juni dahin, daß er den Kerl nicht gut entbehren könne, weil sonst das Gesinde „ruginirt" und wüste werde; auch habe der Herr Landrath ohne diesen Kerl Leute genug. Es blieb dem Landrath Nichts übrig, als 1706 am 22. December um die Einreihung des entwichenen Bauern in ein Regiment zu bitten. Andere Bauern befanden sich in Oesel, in Tois und in Berghof.

Da Fabian Ernst sich meistentheils in Wierland aufhielt, übergab er die Verwaltung von Kiwidepä Verwaltern, von denen um 1686 Hinrich Jürgen Faber und 1690 Michel Stengel genannt werden, die ihm über den Zustand des Gutes Bericht zu erstatten hatten.

Seine Nachbarn waren auf Assoküll der Kap. Jürgen Friedrich Klick und auf Berghof der Major Heinrich von Kursell. Zwischen den Bauern der Güter kam es zuweilen zu Gränzstreitigkeiten. Eine derselben wurde 1696 und 1698 durch eine Untersuchung des Commissarius Fisci, Johann Christoph Droummer, zu gegenseitiger Zufriedenheit entschieden, bei welcher Gelegenheit auch die Ansprüche an einige Dörfer und an den Holm Tauks geltend gemacht wurden. In seinem Testamente bestimmte Fabian Ernst das Tertialgut Kiwidepä seinem ältesten Sohne Reinhold Axel, für den er die königliche Bestätigung erwirkt hatte. Nach dessen Tode übernahm es sein Neffe Ludwig (B 143), der es an den Lieut. Knorring verkaufte.

5. Verwaltung von Leal

Das alte zwischen dem Orden und dem Stift Oesel getheilte Schloß Leal, welches vor Zeiten (1224) selbst zum Sitz eines eigenen Bischofs bestimmt war, wurde nach der schwedischen Eroberung 1563 mit seinem ausgedehnten Gebiete als ein besonderes Lehn Eigenthum der Krone, und Gustav Adolf verlieh es 1630 am 30, Mai dem Generalmajor Äke Tott Henrich's Sohne und Enkel des Königs Erich XIV. Ake hinterließ es seinem Sohne Klaus Tott, Grafen zu Carlebora, der 1674 ohne Kinder zu Paris starb, Seine Erben hatten Leal noch 1682, dann aber scheint es reducirt und [Erik] Sparre in Ärrende gegeben zu sein, M. Sparre übertrug die Inspection des Gebiets dem Generaladjutanten Fabian Ernst Baron U,-St., der sich genaue Auskunft über die Arbeitsleistungen der Bauern, die Größe und den Ertrag der Felder zu verschaffen wußte und 1684 in Leal gewohnt zu haben scheint. Am 28. April 1685 dankte ihm M, Sparre für seine bisherige Mühwaltung und theilte ihm mit daß sie nach dem Tode ihres Mannes auch die Disposition über seine Güter verloren habe, Hiemit wird denn auch wohl die Inspection F. Ernst's ein Ende gehabt haben.

6. Erras und Mehntack.

Das im Liber census Daniae unter dem Namen Heraes mit 28 Kaken als Besitz des Dominus Saxo und Henricus Lapicida aufgeführte Dorf Erras gehörte 1496 Brun Wetberg, und 1559 theilten sich Johann und Ewert Oerten in das Gut. Dasselbe blieb in der Familie, und von Georg v. Oerten erbte es sein Sohn Fabian, der 1676 Mannrichter in Wierland war und mit seiner Frau Anna v, Bellingshausen vier Töchter hatte, denen das Erbrecht an Erras zustand. Die älteste, Elisabeth, war zuerst an Klaus Moritz, v. Wrangell auf Mehntack und seit 1685 an Fabian Ernst Baron U.-St. vermählt, der durch Vereinbarung mit seinen Schwägern Besitzer von Erras wurde.

Aus erster Ehe hatte Elisabeth von Oerten einen Sohn, Fabian, der später Besitzer von Mehntack wurde, und eine Tochter, Anna Marga-retha von Wrangelt, die sich 1699 am 9. März mit Fabian Ernst II. Baron U.-St, (B 96) vermählte. Den Kindern waren Vormünder gesetzt, die 1686 am 4, April Mehntack dem Mannrichter und Generaladjutanten Fabian Ernst Baron Ungern-Sternberg für 300 Rth, jährlich auf zwölf Jahre verarrendirten, wobei der Stiefvater sich verpflichtete, seine Stiefkinder auf seine Kosten kleiden, nähren und erziehen zu lassen. Dieser Arrendecontract wurde am 7. März 1689 dahin verändert, daß der Stiefvater den Erbantheil seiner Frau aus Mehntack in zehn Jahren abwohnen sollet d. h, er zahlte keine Arrende, dafür erhielten aber seine Stiefkinder 1698 das Gut frank und frei von Schulden, ohne daß ihre Mutter ihren gesetzlichen Kindestheil aus Mehntack mehr zu fordern hatte. Demgemäß trat Fabian Ernst das Gut seinem Stiefsohne ab, bat aber schon 1696 am 27. März für ihn um Ermäßigung der Abgaben, damit nicht die Bauern bei zu großer Ueberbürdung mit Arbeit über die nahe Gränze nach Rußland entweichen möchten. Die Ansprüche der Erben an Erras wurden 1693 am 6. April als unbegründet vom OLG. abgewiesen. Der Mannrichter Fabian von Oerten wünschte sein altes Eibgut, für welches er nach und nach 8000 Rth, verwendet, seinem lieben Schwiegersohne Ungern einst zukommen zu lassen. Daher schloß er mit seinem Brudersohne Georg von Oerten zu Toyla am 10. September 1689 einen Vergleich ab Er hatte zwar 1661 bereits mit seinem sel, Bruder getheilt, weil aber Toyla von der Krone reducirt war, so zahlte er seinem Neffen noch 2000 Rth, Spec, aus, wogegen dieser auf seine Erbansprüche an Erras förmlichst zu verzichten versprach. Die Auszahlung von 2000 Rth. Spec., zu welchen der Landrath noch überdem 300 Thl, und ein gutes Pferd gefügt hatte, quittirte ihm Georg v, Oerten am 10, Januar 1693 und begab sich aller Ansprüche an Erras. Sein Testament machte Fabian von Oerten am 24, Juni 1689 und bestimmte darin, daß feine Frau, Anna v, Bellingshausen, auf Lebzeiten im Besitze von Erras verbleiben, nach ihrem Tode aber derjenige seiner Schwiegersöhne das Gut antreten solle, der seinen Schwägern die ihnen zukommenden Antheile auszuzahlen vermöge. Ueber, dem vermachte er jeder Tochter 1100 Rth, zur Aussteuer, Schon am 13, September starb der alte Mannrichter, und nach etwa zwei Jahren folgte ihm seine Frau, die ihren geliebten Eheherrn während des Ehestandes herzlich geehrt und in seiner schweren Krankheit fleißig und treulich gewartet und gepflegt hatte.

Dem Wunsche ihres Schwiegervaters gemäß wollte der Major Dietrich Friedrich von Patkull und der Rittmeister Heinrich Hastfer ihrem Schwager, dem Baron Ungern-Sternberg, das Gut Errs zu 10000 Rth. Sp, überlassen, da es der alte Oelten nicht höher taxirt hatte, aber der dritte Schwager, Lieutenant Detl, Joh. Salza, bot 11000 Rth, Auch diesen Preis versprach Ungern zu zahlen, Salza aber steigerte nun sein Gebot auf 12000 Rth. und verlangte, wenn auch Ungern eben so viel geben wolle, daß geloost werde. Nun erklärten Patkull und Hastfer vor Gericht, sie wollten ihre Ansprüche auf Erras ihrem Schwager Ungern für 11000 Rth. Spec. abtreten, und nach längeren Verhandlungen willigte auch Salza ein, auf das Loos zu verzichten, wenn ihm sein Schwager eine Extrazahlung von 250 Rth. zugestehen wolle, wozu dieser sich willig be-zeigte. So wurde denn endlich am 14, April 1693 die Kaufsumme auf 12250 Rth, festgestellt und der Kaufcontract am 18, April unterzeichnet. An Salza mußte Ungern 3000 Rth. baar auszahlen; auch Hastfer empfing seinen Antheil mit 2750 Rth. Von der dem dritten Schwager, D, Fr. Patkull, zukommenden Erbportion wurden 750 Rth. gleich ausgezahlt und der Rest blieb auf sene Bitte noch auf dem Gute Erras als jährlich mit 6 pCt. zu verrentende Schuld stehen. Wie es der Mann-richter Fabian v. Oerten vorhergesagt hatte, war das Gut von Fabian Ernst zu theuer bezahlt worden, und er kam durch die großen an die Schwäger auszuzahlenden Summen und die jährlichen Zinszahlungen nicht selten ins Gedränge. Von der Jungfrau Beata Wangersheim hatte er 1693 am 1. Mai 1000 Rth. aufgenommen, um Salza abzufinden, und erst 1733 am 30, Juni konnte seine Erben das Capital zurückzahlen. Dazu kamen außer den Gränzstreitigkeiten die nicht geringen Ab-gaben an die Krone und die Ritterschaft. Er mußte für Erras und das Dorf Werrenorm, desgleichen für das Gut der Stiefkinder Mehntack den Roßdienst leisten, den Mühlenzoll und das Magazinkorn liefern, Schieß-pferde stellen und die Ladengelder zahlen. Die Lasten (onera publica) der Landbesitzer waren schon unter Karl XI. immer gesteigert und nahmen wahrend der unaufhörlichen Kriege Karl's XII. durch Rekrutenaushebungen, Truppendurchzüge, Contributionen und extraordinäre Bewilligungen beständig zu.

Unter solchen ohnehin beschwerlichen Umständen brach der nordische Krieg herein, der Ehstland an den Rand des Verderbens brachte. Besonders litten die Provinzen Wierland und Jerwen durch die wiederholten Ueberfälle der Russen. Schon während der Belagerung von Narva im September 1700 verheerten dieselben die Kirchspiele Waiwara, Jewe und Luggenhusen und streiften fast bis an die Gränzen von Harrien. Der Landrath Fabian Ernst lag damals krank in Reval, und weil dieser feind-liche Ueberfall ganz unerwartet kam, hatte er weder sein Korn, noch seine Möbeln in Sicherheit gebracht. Als daher der Feind nach Erras kam, raubte er ihm Alles, verbrannte seinen neu aufgebauten Hof und alle Dörfer. Was an Menschen und Vieh angetroffen wurde, ward fortge-schleppt oder todtgeschlagen. Von 170 Stück Rindvieh wurden nur 35 Stück in den Wald gerettet.

Nachdem Karl XII. am 20. November 1700 die Russen bei Narva geschlagen hatte, sammelte der Landrath seine zersprengten Bauern, kaufte Sommersaat und errichtete nothdürftig Obdächer für Menschen und Vieh. Das Jahr 1701 war so dürr, daß Nichts geerntet wurde. Wieder kaufte er Saat und richtete sich nothdürftig ein. Dabei mußte er doppelten Roßdienst und andere Zahlungen der Krone leisten, gleich als sei sein Gut noch im Stande. Da erschienen urplötzlich im Sommer 1704 die Russen zum zweiten Male in Erras, schlugen die Menschen todt und raubten Vieh, Lebeusmittel und Heu, so viel sie vorfanden, verbrannten die Häuser und Zäune der Bauern und das Korn auf den Feldern. Ja, diesmal verfuhren sie so gründlich, daß sie den mit vieler Sorgfalt gepflegten schönen Baumgarten, der bei Uebernahme des Gutes 1693 auf 500 Rth, taxirt war, und sogar den Wald, der ohnehin schon durch die Nachbarn viel Schaden gelitten hatte, total ruinirten.

Nun erklärte Ungern, er sei nicht mehr im Stande, die öffentlichen Abgaben zu tragen, weil ihm Nichts geblieben sei als das Tertialgut Kidepä, von dem er sich und die Seinigen ernähren müsse; dabei hindere ihn seine Kränklichkeit, selbst einzugreifen.

Der Generalgouverneur Axel Julius De la Gardie ließ, da auch die Kirchspiele Waiwara und Jewe dieselbe Klage führten, die Gegend von dem Statthalter Matth, Poorten und dem Landrath W. H. Hastfer inspiciren, und da sich die Wahrheit der Angaben herausstellte, wurde ein Erlaß bewilligt. Doch konnten manche Leistungen nicht ermäßigt werden. Noch 1705 am 9. August und 1706 am 19. Mai wurde wieder gemahnt, die Abgaben zu berichtigen, ungeachtet der wiederholten Bittschriften der Landräthe, welche den traurigen Zustand des Landes mit düsteren Farben schilderten.

7. Sommerpahlen.

Das Gut Sommerpahlen im Ksp. Anzen gehörte in der polnischen Zeit 1599 Wolter Kursel, und seine Erben machten nach Wiedereroberung des Landes 1627 ihre Rechte geltend. Unter ihnen war der Lt, Fabian von Ungern (B 68); doch erhielten sämmtliche Erben zusammen nur einen Bauerhaken, das Gut aber gab Gustav Adolf einem Bürger in Reval, Hans Ohm, für seine der Krone geleisteten Vorschüsse. Dieser verkaufte es 1652 an Dietrich Müller, dessen Erben es bis 1697 besaßen. Durch unablässige Sollicitationen brachte es Jürgen Reinhold Baron Ungern-Sternberg 1698 so weit, daß ihm und seinem Bruder Sommer-pahlen restituirt wurden, und die Brüder besaßen es 1707 noch gemeinsam; schon am Schlusse des Jahres gehörte es IJ. Reinhold, der es seinem Sohne Reinhold Hellmich zugedacht hatte. Dieser scheint aber nicht in Besitz getreten zu sein, da 1718 die Fam. Moller Eigenthümerin war.

Für Sommerpahlen stellten die Gebrüder Ungern-Sternberg einen Reiter, J. J. Quiberg, der vollständig ausgerüstet sich zur Musterung 1703 am 24. Mai stellte.

8. Fistehl.

Da die Königin Hedwig Eleonora am 1. August 1670 dem Obristlieutenant Reinhold die Exspectanz auf das alte Erbgut Fistehl zu-gesprochen hatte, übertrug er die Führung des Prozesses seinem Sohne Fabian Ernste der durch seinen Advokaten Joachim Gernet gegen den Obristen Otto Wilhelm v. Fersen seine Sache durchzuführen suchte, aber 1684 am 8. September abgewiesen und zu ewigem Stillschweigen verur-theilt wurdet.

Der Streitfrage hatte Fersen oder sein Sachwalter eine ganz persön-liche Richtung gegeben und Ungern wegen des Freiherrntitels von Pürkel bitter angegriffen. Die von beiden Seiten eingereichten Klagen, Antworten, Dupliken und Repliken nährten die gegenseitige Erbitterung, worüber der alte Vater gestorben war. Ungeachtet der gründlichen Abweisung hielten die Brüder doch die Erinnerung an ihre Rechte auf das alte Stammgut aufrecht, und noch 1707 forderte J. Reinhold seinen Sohn zu Versuchen auf, diese Besitzung wieder zu gewinnen. Wenn aber solche Schritte ge-than worden sind, so blieben sie jedenfalls erfolglos.

9. Wohnungen in Narva und Reval.

Da Erras nicht sehr entfernt von Narva lag, hatte Fabian Ernst häufig Veranlassung, diese nicht unbedeutende Handelsstadt zu besuchen, und übertrug die Führung seiner Geschäfte daselbst dem Kaufmann Balzer Schramm, der ihm 1689 für Kornsendungen und durch Anleihe 400 Rth. Sp. schuldig geworden war. Ein Theil der Schuld wurde bezahlt, für den Rest von 236 Rth. verpfändete ihm B. Schramm 1693 am 18. Februar sein Steinhaus und fügte 1695 am 9. Februar noch ein zweites Haus hinzu, welches er dem Landrath 1697 am 31. Mai zur Wohnung recommandirte. Die Schuld wurde 1698 am 19. October in das Haus seiner Mutter ingrossirt.

Häufiger als nach Narva zogen die Geschäfte Fabian Ernst, besonders seitdem er Landrath geworden war, nach Reval, und oft mußte er wochenlang sich hier aufhalten, ja 1700 lag er längere Zeit in Reval krank. Er miethete daher 1682 am 1. Febr. von dem Bürger Johann Lanting dessen kleines Haus in der Breitstraße, welches eine Wohnstube und Schlafzimmer, zwei Bodenräume zum Ausschütten des Korns, Keller, Stall und Wagenschauer nebst einer Kammer für die Leute enthielt. Dafür zahlte er ihm 30 Rth. jährlich. Die Miethe wurde 1685 in ein Pfand verwandelt, indem ihm Ungern darauf 1000 Rth. Sp. vorstreckte, deren Zinsen als Miethe zu betrachten waren. Mit Lanting, einem gewandten Kaufmanne, dem er die Verwerthung des Ertrages seiner Güter übertrug, führte er, namentlich während seines Aufenthalts in Stockholm, einen sehr lebhaften Briefwechsel, der ihm aus der Haudelswelt und über das Leben und Treiben in Ehstland die erwünschten Mittheilungen zuführte.

Da die traurigen Zeiten des Krieges den Landrath selbst in Verlegenheit gebracht hatten, sah er sich genöthigt, 1705 die dem J. Lanting vorgeschossene Summe zu kündigen, und da dieser erklärte, ihm die 1000 Rth. nicht zurückzahlen zu können, bat Ungern um Subhastation des Hauses. Doch auch auf diefem Wege war kein Geld zu erlangen; daher verglichen sich durch Vermittelung guter Freunde, namentlich des Peer Jakob Eccard, die Parten dahin, daß Ungern von der Pfandsumme 400 Rth. aussonderte, wofür Lanting ihm jährlich 24 Rth. Zinsen zu zahlen versprach. Für die Rente der übrigen 600 Rth. sollte Ungern nach wie vor das Haus bis zur Tilgung der Schuld benutzen.

10. Anleihen, Einnahmen und Ausgaben.

Theils zu den Zahlungen an seine Schwäger, theils zur Verbesserung seiner Güter hatte der Landrath Baron U.-St. von verschiedenen Personen Geld aufnehmen müssen, und im UStA. finden sich zahlreiche Rechnungen und Quittungen über Abgaben, Zinsen, Capitalabträge, Pfändungen und Vorschüsse, aus denen man sich eine Vorstellung von der ausgebreiteten Thätigkeit dieses ausgezeichneten Mannes machen kann. Unter seinen Gläubigern werden genannt:

1) Die Jungfrau Beata von Wangersheim, die ihm 1693 am1. Mai 1000 Rth. vorstreckte.

2) Der Bischof Mag. Joachim Salemann, der ihm 1694 am 19.April auf drei Monate 200 Rth. lieh. Ihm setzte er zum Pfande 16 Pfd. Silber Besmergewicht, darunter ein vergoldetes Gießbecken nebst Gießkanne, ein Geschenk des Königs von Dänemark an seinen Vater Reinhold.

3) Der Pastor Mag. Justus Blankenhagen, der ihm 1698 am 28. März ebenfalls 200 Rth. gegen Verpfändung von Silbergeschirr und Juwelen lieh.

4) Johann Hastfer hatte 1699 am 22. Mai von ihm 150 Rth. wegen Kochtel zu fordern.

5) Der schiffbrüchige Johann Kellermann hatte 1703 am 22. Januar eine Forderung an die Frau Baronin von 9 1/2 Rth.

6) Verschiedenen Kaufleuten war er für Salz und Budenwaaren schuldig geworden und bezahlte sie meistentheils mit Korn.

Vorzüglich hatte er zu thun mit M. H. Close, Joachim Hueck, Jobst's Sohn, Johann Jobst Fürstenau, Kaspar Knipei und seiner Wittwe Anna Kohsen, Andreas Lindemann, Melchert Lohmann, Rabe Rudolf Londicer, Hermann zur Mühlen und Thomas Hen-rich Schreve.

Dagegen hatte Fabian Ernst nicht selten Veranlassung, seinen Ver-wandten und Freunden durch Unterstützungen aus Verlegenheiten zu helfen; als Vormund, Vater, Zeugen und Caventen wurden ihm mancherlei Aus-lagen und Arbeiten zugemuthet, und über andere Korrespondenzen und Ge-schäfte geben seine aufbewahrten Papiere Nachricht.

1684 3/11 schrieb ihm Johann Reinhold Pattkull aus Riga über einen Vielfraßpelz.

1688 28/7 hatte er der Jungfrau Maria Elisabeth Loew 50 Rth. Sp. zu 8 Procent geliehen. Weil sie ihm dieses Geld nicht bezahlen konnte, so cedirte sie ihm eine Obligation des sel. Hans Fock von 1650 mit dem Pfandrechte auf 1/4 Haken im Dorfe Ojama, welches zu dem Gute Paais gehörte.

1690 4/6 schenkte er den Schwarzenhäuptern in Reval drei Dukaten.

1693 19/9 lieh er dem Lt. Johann v. Vietinghof 200 Rth. Sp.

1694 30/3, und 12/7 schickte er seinen Söhnen Fabian Ernst und Karl Magnus 210 und 200 Rth.

1695 13/2 war er Zeuge bei dem Erbvergleich über Angern.

1703 31/7 war ihm Joh. Müller 80 Rth, schuldig.

1704 27/3 bat er im Namen seines Stiefsohnes Fabian Wrangell um Ermäßigung der Abgaben von Mehntack.

1696 18/6 sandte er seinem Sohne Reinhold Axel über Lübeck 200 Rth. Sp.

1698 11/3 war er Zeuge bei der Vertauschung der Güter Kersel und Kerro.

1699 24/1 wurde er zur Beerdigung des Assessors M. J. Ekeschiöld, 1700 5/2 der Frau Landräthin von Bellingshausen, geb. Dorothea Engdes, und 1701 18/2 der Frau Anna Margaretha von Maydell, geb, v. Treyden, eingeladen.

1705 21/8 übernahm er für D. J. v. Salza die Caution wegen des Guts Kuje.

1706 15/2 hatte Helene Kursel auf Hasik von ihm 30 Rth. Sp. geliehen.

Ein Beispiel, wie damals Geschäfte in Ehstland gemacht wurden, giebt die am 1.März 1707 von Fab. Ernst v. Bellingshausen zu Paddas ausgestellte Obligation, in welcher er berichtet: „Vor 17 Jahren, als ich Cornet im Regiment des Generals und Landraths Johann Andr. v. d. Pahlen war, habe ich von meinem Herrn Vetter F. E. Ungern-Sternberg auf mein inständiges bittliches Anhalten eine neue Mundirung von 25 Rth. Werth erhalten, aber dieselbe bis dato nicht bezahlen können. Diese Summe ist jetzt durch die Zinsen auf 50 Rth. angeschwollen, und wenn Baron Ungern-Sternberg das Geld bis zum Frieden ohne Zinsen bei mir stehen lassen will, so verpflichte ich mich, bei adelicher Treue und Cavaliers Parole, die 50 Spec, Thl. ihm ungeweigert richtig zu zahlen." Doch lange vor dem Friedensschlusse waren Gläubiger und Schuldner, letzterer mit seinen Söhnen, gestorben.

11. Testament und Tod.

Die zunehmende Schwäche mahnte den Laudrath, an seinen Abschied von dieser Welt zu denken. Er ließ von seinem Advocaten Joachim Gernet am 24, Juni 1707 sein Testament auffetzen und übertrug die Execution desselben seinem Bruder J. Reinhold, den Landrathen Friedrich v. Löwen und Tönnis Johann v, Bellingshausen, die nebst J, Gernet seinen letzten Willen mit untersiegelten. Das königliche OLGericht ersuchte er, die Bestimmungen desselben aufrecht zu erhalten, wie es die Rechte und alten Constitutione erfordern.

In diesem Testamente verordnete er: „Mein Leib soll in meinem erkauften Begräbniß in St. Olai beerdigt werden. Meine Frau Elisabeth von Oerten soll auf Lebzeiten Erras behalten und nach beendigtem Kriege dasselbe bebauen und „in Esse" setzen lassen, bis dahin aber mit meinem Sohne, dem Trabanten und Capitän Fabian Ernst, auf meinem Tertialgute Kidepä leben. Nach ihrem Tode soll dieser Sohn Erras für 6000 Rth, antreten, weil es völlig verwüstet ist. Aus dem Schreiben meines ältesten Sohnes, Reinhold Axel, Oberhofmarschalls des Herzogs v. Uels, habe ich verspürt, daß er wohl schwerlich heirathen und in's Land zurückkehren werde, um das ihm bestimmte Gut Kidepä anzutreten. In Bezug auf unsere Ansprüche an Sommerpahlen und Uchten haben sich meine lieben Kinder zu vereinbaren. Schließlich ermahne ich meine Kinder zum Gehorsam gegen ihre Mutter, zur Gottesfurcht und Einigkeit, wodurch das Wenige, was ich ihnen hinterlassen kann, zu einem große Reichthum sich mehren und auf Kindeskinder sich vererben wird, wogegen auf Prozessen und Bruderzwist nur Unsegen ruhen kann."

Darauf starb der alte Landrath 1708. Seine Wittwe aber kam durch den Tod ihres Hausherrn in bittere Verlegenheiten. Im Mai 1709 lieh sie von ihrem Schwager, dem Generalmajor und Gouverneur Diedrich Friedrich von Patkull, in ihrer höchsten Noth eine Last Roggen und eine Last Gerste, die er ihr zu dem billigen Preife von 86 Rth, überließ, da die Preise bei der herrschenden Theuerung etwa auf das Vierfache gesteigert waren. Die Bezahlung versprach sie zu leisten, sobald sie könne.

12. Familie.

Ehe Fabian Ernst die Heimath verließ, um in Deutschland und Holland Kriegserfahrung und Ehren zu erwerben, hatte er sich mit der Tochter des Majors Hinrich von Kursel auf Berghoff, Margaretha Helena, verlobt. Zwar war dieselbe damals noch nicht zwölf Jahre alt und die Hochzeit sollte demnach noch auf eine spätere Zeit nach seiner Rücktehr verschoben werden, doch wurde die Verlobung öffentlich declarirt und in Gegenwart von Zeugen wechselten die Verlobten die Ringe und benahmen sich gegen einander im Hause, wie bei Nachbarn und Freunden vollkommen als Brautleute. Die Zeit der Abwesenheit ihres Bräutigams aber, die sich fast auf fünf Jahre erstreckte, brachte im Gemüthe der Jungfrau eine merkliche Veränderung hervor. Der junge Cornet säumte bei seiner Rückkehr nicht, sich seiner Geliebten vorzustellen und ihr wie ihren Eltern mancherlei Geschenke, die er aus dem Stift Bremen mitgebracht hatte, zu offeriren. Zwar wurden dieselben angenommen und die Besuche fortgesetzt, doch bemerkte Fabian Ernst sowohl an seiner Braut als an dem Vater ein kaltes und fremdes Benehmen, und als er von einer Reise nach Dorpat zurückkehrte, traf er sie nicht zu Hause. Nach dreitägigem Warten suchte er sie in Linden bei der Frau Helene von Zoege (C 82) auf, fand sie aber in Thränen. Alls Ursache ihrer Bekümmerniß gab sie an, man habe sie mit dem Secretär Johann Christoph Buchner in's Gerede ge-bracht. Dieser Mann, der mit dem Herrn Major Kursel viel verkehrte und bei seinem Herrn, dem Reichskanzler Magnus Gabriel Grafen De la Gardie, in hoher Gunst stand, hatte sich um die Tochter des Majors beworben uud sich gerühmt, derselbe habe ihm gestanden, wenn er nur dem Cornet Ungern gleich die Thür gewiesen, so wolle er seine Tochter lieber an Buchner vermählen. Solche und ähnliche Reden waren Fabian Ernst zu Ohren gekommen, und er fragte daher seine Braut, ob es wahr sei, was man sich erzähle, daß sie ihm den Korb gegeben habe. Sie erwiderte ihm empfindlich, wenn er wolle, so könne sie ja ihm zu Ehren den Korb am Arm tragen, welche spöttische Rede ihn in große Bestürzung versetzte. Doch erwiderte er höflich, er habe nicht erwartet, daß sie eine Trennung suchen werde, erinnerte sie auch an die gegebenen Versprechungen, da sie geäußert, Gott solle es an ihr rächen, wenn sie nicht beständig bleiben werde. Diese Aeußerung stellte sie in Abrede, und als er sie fragte, warum sie denn nach seiner dreijährigen Abwesenheit bei seiner Rückkehr sich nicht gleich erklärt, sondern seit mehr als einem Jahre sich gegen ihn freundlich gestellt, daher er jetzt Alles, was ihm lieb sei, daran setzen wolle, um die-sen Bruch zu verhindern, erwiderte sie, wenn sie zu dieser Ehe genöthigt werde, so wolle sie ihn als ihren Gemahl ehren und ihm gehorsam sein, ihn zu lieben aber könne sie nicht versprechen.

Betrübt ritt er von dannen und wandte sich an die Mutter mit der Bitte um einen Versuch, die Tochter doch noch zu einer Aenderung ihres Sinnes zu bringen, aber auch diese behauptete, ihr schon vielmals zugeredet zu haben, sie könne sich aber nicht dazu verstehen, ihr einziges Kind zu zwingen, gegen seinen Willen einen Bund zu schließen, der später nur Ver-drießlichkeiten herbeiführen werde. Indessen war doch, wahrscheinlich durch Zureden der Verwandten, der Jungfrau ihr bisheriges Benehmen und das dadurch veranlaßte Gerede leid geworden, und sie schrieb ihrem Verlobten ein Briefchen folgenden Inhalts: „Mein Herz, Fabian Ernst, ich übersende Euch Eure Strümpfe. Bleibet getreu, an mir soll es nicht fehlen. Es , hat mich schon tausendmal gereut, was ich gethan habe."

Ungeachtet hierdurch zum Frieden wieder eingelenkt zu sein schien, so war doch das Benehmen des Vaters und seine Aeußerung über seinen Schwiegersohn der Art, daß das gute Einvernehmen bald gestört wurde. Namentlich hatte Kursell sich dahin erklärt, er werde seine Tochter niemals einem Ungern geben, ja, er trug seinen Nachbarn auf, ihm zu sagen, er möge sich hinfort seines Hauses enthalten, und sprach sich wiederholt widrig und feindselig über ihn aus. Als Fabian Ernst mit Rosen in ein unver-muthetes rencontre gerathen war und fürchtete, daß die Verwundung desselben gefährlich sein könne, bat er seinen Schwiegervater, sich nach dem Zustande desselben zu erkundigen. Kursel aber ließ ihm antworten, er habe mit seinen losen Händeln Nichts zu thun; wenn er sich die Nase begossen, so möge er seine Gefahr stehen und nicht anderer Leute übel hinterrücks gedenken.

Alle diese verkleinerlichen und feindlichen Aeußerungen kamen Fabian Ernst, vielleicht noch durch geschwätzige Basen vergrößert, zu Ohren und zwangen ihn, alle Besuche bei Kursel zu vermeiden und den Gedanken an seine Braut aufzugeben. Als aber Major Kursel seinen Nachbar, Reinhold Baron U.-St., durch Gränzftreitigkeiten molestirte, seinem Amtmann Ernst Wilhelm Breßmann unverschuldeter Weise Prügel androhte und sich dabei in anderen unleidlichen Worten vernehmen ließ, sah sich der alte Obristlieutenant veranlaßt, ihn deswegen und wegen der Treubrüchigkeit gegen seinen Sohn Fabian Ernst vor dem Oberlandgerichte zu verklagen und auf Ausantwortung der im Ehecontracte stipulirten Mitgift und vollständige Satisfaction anzutragen.

Der Major Kursel machte geltend, daß seine Tochter bei der Verlobung noch nicht zwölf Jahre alt gewesen sei, auch nur auf Zureden ihrer Eltern ihre Zustimmung gegeben habe, daher nach dem Ritterrecht, welches die freie Einwilligung der Betheiligten verlange, die Verlobung null und nichtig sei, auch Ansprüche an die Mitgift durchaus für unzulässig erklärt werden müßten. Hingegen verlange er für sich und seine Tochter eine genügende Satisfaction und Ersatz seiner Unkosten. Hiermit schließen die Acten und das Verlöbnis.

Fabian Ernst aber, so schwer er sich von seiner Verlobten, mit der er als Nachbarskind und Verwandter aufgewachsen war, trennte, mußte jetzt Berghof meiden, wandte sich nach Wierland, wo ihm ebenfalls Verwandte lebten, und vermählte sich

1) 1672 am 26. Januar mit Elisabeth Dorothea von Wrangell, gest. 1684, Tochter des Helmich v. Wr. auf Uchten, Addinal, Rojel und Jensel, und der Dorothea v. Wrangell, gest. 1694.

1. Reinhold VIII. Axel, Oberhofmarschall, gest. 1747, s. B 95.

2. Fabian Ernst II., Herr auf Erras, gest. 1733, s. B 96.

  1. Karl I. Magnus, Obristlt., gest. 1732, s. B 97.

a. (?) Anna Magdalena, 1700.

2) 1685 am 26. März mit Elisabeth von Oerten, gest. um 1721, Wittwe des Klaus Moritz von Wrangell auf Mehntack, Tochter des Mannrichters Fabian v. O. auf Erras (gest. 1689 13/9) und der Anna v. Bellingshausen, gest. 1692.

a. Anna Christina, geb. 1686, gest. 1737, begraben am 15. November.

Sie heirathete 1706 am 19. Februar den Kapitän Joh. Andreas von der Pahlen, geb. 1681, gest. 1734.

B 87. Jürgen Reinhold VI., Reinhold's V. (B 81) Sohn, Herr anf Klein-Lechtigall, Uchten und Sommerpahlen, gest. 1723.

Das Geburtsjahr J. Reinhold's ist nicht bekannt, auch wissen wir aus seiner Jugend sehr wenig. Nur kurz wird erwähnt, daß 1664 zwei Barone Ungern-Sternberg vor das OLG. in Reval citirt worden und auch 1671 in Reval gewesen seien. Wahrscheinlich trat er früh in den Kriegsdienst und stand vor 1679 in einem Regiment in Schonen, in welchem er den Rang eines Majors erreicht hat.

Der Obristlieutenant Reinhold hatte in seinem Testamente seinem jüngeren Sohne J. Reinhold das Lehngut Klein-Lechtigall bestimmt und dieser, der damals schon verheirathet war, kehrte zur Uebernahme des väterlichen Besitzes aus Schonen zurück und wurde noch in demselben Jahre (1679) als Patronatsherr der Kirche St. Wartens zum Kirchenvorsteher daselbst erwählt.

Auf die Bitte J. Reinhold's, der sich deshalb wieder nach Stockholm begeben hatte, wurde seinem Vater für seine Söhne das Recht auf Klein-Lechtigall 1680 am 11. October confirmirt, doch schon nach sechs Jahren fand der König es dem Vortheile der Krone entsprechend, die Reduttion für dieses Gut, für Kiwidepä und Hohenfors eintreten zu lassen. Auch Sommerpahlen und Fistehl gingen verloren, und die Bitte ihres Vaters um Restitution des alten Erbguts Assoten war ebenfalls unberücksichtigt geblieben. Ungeachtet dieser Eingriffe in die Privatrechte blieben doch die Brüder treue schwedische Männer bis an ihren Tod. Um seine Besitzung wenigstens zur Arrende wieder zu erhalten, entschloß sich J. Reinhold 1688 mit seiner Familie nach Stockholm zu ziehen und dort seine Ansprüche geltend zu machen, zu welchem Zwecke er ausführliche Wackenbücher, Berichte über den Zustand des Gutes, die Beschaffenheit der Aecker und die Leistungen der Bauern nebst Berechnungen der zu erwartenden Erträge einlieferte.

Der König hatte nämlich 1687 am 18. Februar verordnet, daß den früheren Besitzern ihre bisherigen Güter wieder zur Pacht eingeräumt werden dürften, und wenn dieselben weniger als 1500 Rth. eintrügen, solle ihnen ein Drittel der Arrendesumme erlassen werden. Demzufolge petitio-nirte G. Reinhold selbst bei den Mitgliedern der Reductionscommission und erlangte endlich von seinem gnädigen Könige am 12. December 1689 die Resolution, daß ihm Klein-Lechtigall als Tertialgut zur permanenten Arrende eingeräumt weiden solle. Am 10. Mai 1690 wurde der Contract abge-schlossen, und er hatte außer der Stellung eines Reiters mit seinem Pferde jährlich 67 1/2 Rth. Spec. zu zahlen und 68 Tonnen Getreide in die kö-niglichen Magazine zu liefern. Auch mußte er im Jahre 1706 aus Klein-Lechtigall nach Reval Balken zu Pallisaden schicken. Etwa um dieselbe Zeit (1689) wurde er zum Obristlieutenant ernannt und ihm die Stelle eines Commandanten der Festung Bahus am Kattegat übertragen, die er 1700 wegen seiner zunehmenden Kränklichkeit aufgeben mußte.

Als Karl XI. gestorben war, eilte der Obristlt. Jürgen Reinhold im October 1697 wieder nach Stockholm, um vielleicht jetzt seine und seines Bruders Rechte durchsetzen zu können, während dieser für ihn Klein-Lechtigall und Neu-Uchten (das Erbtheil seiner Frau) bewirthschaftete. Hier wohnte er der Beerdigung des verstorbenen Königs, so wie der Krönung Karl's XII. bei, und erlangte auch wirklich mit viel Geduld und Geld, daß ihm und seinem Bruder Sommerpahlen zuerkannt wurde. Froh, wenigstens ihr großmütterliches Erbgut Sommerpahlen erhalten zu haben, rüsteten die beiden Brüder auf gemeinschaftliche Kosten 1701 den Reiter für dieses Gut aus', und besaßen es zusammen noch 1707. Doch erhielten sie kaum Revenüen aus dem Gute, denn nach dem Berichte des Amtmanns war die Zahl der Arbeiter durch Rekrutenaushebung, feindliche Ueberzüge und Krankheiten sehr reducirt, und der Rest der Bauerschaft 1703 bis 1707 bei den Durchmärschen der schwedischen und russischen Truppen so beschäftigt, daß man weder das Korn von den Feldern führen, noch dreschen konnte. Sobald aber die Moräste trugen, war auch der Feind mit Rauben und Brennen da. Die Brüder fügten sich geduldig in das Unvermeidliche und erwarteten Alles von dem Frieden, denn daß Schweden besiegt werden könne, schien ihnen unmöglich. Während des Krieges hielt sich I. Reinhold abwechselnd auf Klein-Lechtigall, Sommerpahlen und Uchten auf, so weit es die feindlichen Einfälle gestatteten. Seinen Sohn Reinhold Helmich forderte er 1707 am 28. Octobcr auf, Sommerpahlen zu übernehmen und schilderte ihm die Annehmlichkeiten des schön gelegenen, einträglichen, aber von der Kirche Anzen und von aller Nachbarschaft entfernten Gutes. Doch war schon damals die ganze Gegend von den Russen besetzt, und als nach voll-ständiger Occupation des Landes friedliche Zustände eingetreten waren, meldeten sich auch andere Erben mit ihren Ansprüchen. Nach einem langen Prozeß wurde Sommerpahlen 1718 den Nachkommen des Dietrich Möller, der es 1652 getauft hatte, zugesprochen.

Ein Nachspiel der langwierigen Streitigkeiten seines Vaters mit der Wittwe G, K. v. Buxhöwden war der Prozeß mit ihrem Sohne, dem Freireiter Fabian Johann von Buxhöwden. Dieser besaß im Dorfe Killimeggi einen Erbbauern, Masiko Hans, den er an den Obristlieute-nant Ungern-Sternberg zu Lechtigall verpachtet hatte, ihn aber nebenbei rein ausplünderte. Der Bauer klagte 1698 am 24. März über seinen Herrn beim Oberlandgericht und dieses fällte 1699 das Urtheil, Buxhöwden habe seinen Erbbauern alles in natura, wieder zu erstatten. Dieses that er auch, aber benutzte den ausbrechenden Krieg, um seinen Erbbauern im Winter 1700 bei nächtlicher Weile nochmals auszuplündern, nun aber auch alles gleich zu Geld zu machen. Der Bauer verklagte seinen Herrn wieder, und das Oberlandgericht condemnirte Buxhöwden am 27. März 1701, dem Bauern nicht nur 43 Rth. zu zahlen, sondern auch vor dem Johannistage eine Pön von 50 Rth. und 10 Rth. Gerichtskosten zu erlegen. Bux-höwden hatte sich aber mit dem Ertrag seiner Beute ausgerüstet, war unter König Karl's Fahne getreten und begleitete denselben nach Polen. Als er wieder heimkehrte, bat er am 5, März 1707 Ungern von Lechtigall, seinem Bauern, der durch ihn in Armuth gerathen sei, die 43 Rth. be-zahlen zu wollen, er werde ihm dieses Geld bei Cavaliersparole ersetzen, sobald er es habe. Weil er aber doch nicht im Stande war, sein Wort zu lösen, so verhandelte er den Masiko Hans mit Weib und Kindern an Ungern am 14. November 1707.

Die Verwüstung und Entvölkerung des Landes ging indessen ungehindert fort und traf vorzugsweise Wierland, wo J. Reinhold's Gut Neu-Uchten fast sämmtliche Einwohner verlor; auch Klein-Lechtigall hatte von russischen Streifcorps zu leiden. Ernstlicher Widerstand konnte dem Feinde nicht geleistet werden, da Karl XII. alle irgend disponiblen Truppen zu sich nach Polen und Rußland berief, wo ihn Mazeppa durch große Ver-sprechungen immer weiter in die öden Steppen der Ukraine lockte. Graf Löwenhaupt mußte mit der livländischen Adelsfahne Kurland verlassen und konnte sich nach der unglücklichen Schlacht bei Ljesna (1708 29/9) nur mit dem Reste seines trefflichen Heeres mit seinem Könige vereinigen, der nach langer vergeblicher Belagerung der festen Stadt Pultawa von Peter I. 1709 am 27. Juli auf's Haupt geschlagen, in die Türkei flüchten mußte. In Ehstland lag General Schlippenbach unthätig, aß und trank und ließ die Gränzländer vom Feinde verwüsten. Vergeblich wandte man sich mit Bitten um Hülfe an den König und an die Reichsräthe in Schweden.

Zwar wurde der Admiral Graf Hans Wachtmeister mit 36 Schiffen nach Reval abgesandt, doch wagte derselbe nicht, Truppen an's Land zu setzen und so wurde das Regiment des Obristen Baron Lieven bei Wesen-berg 1708 am 15. August fast ganz aufgerieben.

Als Ehstlaud sich 1710 Peter I. unterwarf, zog der Obristlieutenant J. Reinhold nach Stockholm, seine Söhne aber suchten ihr Brot, wo sie es fanden. Einer (Karl II., B 99) diente bei der schwedischen Armee in Polen, wurde aber 1709 am Dniepr gefangen und kehrte erst nach dem Friedensschlüsse zurück. Ein anderer (Reinhold IX. Helmich, B 98) war nach Ostfriesland gegangen und hatte dort Dienste genommen, durch seinen Onkel Fabian Grafen Wrangell, den Commandanten von Brüssel, dem Fürsten recommandirt.

Während nun Karl XII. in Bender saß, hatte der Obristlieutenant das Wenige, was er von Hause mitgenommen, verzehrt und gerieth 1713 in so bittere Noth, daß er nur von der Unterstützung lebte, die ihm sein Sohn Reinhold Helmich, der bei seinem Schwager, dem Fürsten Christian Eberhard von Ostfriesland in hohen Gnaden stand, von Zeit zu Zeit übersandte. Zu ihm schickte er auch 1713 seine Tochter Gertrud, die bald Hoffräulein und später dort verheirathet wurde. Der gute Sohn machte 1714 am 2. Juni seinen Eltern den Vorschlag, ganz nach Deutsch-land überzusiedeln, da er es an Pflege und Aufwartung nicht ermangeln lassen wolle. Auch wolle er sie von Lübeck selbst abholen.

Als Jürgen Reinhold nach dem Frieden zu Nystad 1721 sein Stammgut Fistehl reclamirte, erhielt er die Antwort, Rußland könne die Sünden der Schweden nicht büßen. In's Vaterland scheint er nicht zurückgekehrt, sondern in Schweden geblieben und daselbst 1723 gestorben zu sein. Seine Wittwe nahm 1724 wieder Klei-Lechtigall, welches bis dahin Johann Andreas u. d. Pahlen verwaltet hatte, in Besitz, und scheint auch da gestorben zu sein, worauf das Gut ihrem Sohne Karl zufiel.

J. Reinhold heirathete 1678 am 18. April Gertrud Sophie von Wrangell, geb. 1654, gest. 1727, begr. am 5. Februar, die Schwester seiner Schwägerin Elisabeth Dorothea (B 86), jüngere Tochter des Helmich v. Wr. auf Uchten, Addinal, Rojel und Jensel, und der Dorothea von Wrangelt, gest. 1694.

Seine Kinder waren:

a. Anna Helena, geb. 1680 am 31. März, gest. 1756 am 9. April. Sie heirathete 1698 am 29. Juli den späteren Landrath Fabian von Wrangel auf Mehntack, den Stiefsohn ihres Vaterbruders Fabian Ernst.

b. Iuliana Elisabeth, geb. etwa 1682. Sie heirathete 1706 am 5. Februar den Kapitän Gotthard Wilhelm von Budberg auf Sennen und Fierenhof.

1. Reinhold IX. Helmich, Hofmarschall, gest. um 1730, s. B 98.

2. Jürgen Johann, geb. 1685, get. am 27. September, starb wahrscheinlich jung.

3. Fabian Gustav, geb. 1686 in Woisek, gest. am 27. September.

  1. Karl II., Major, gest. 1741 am 23. Februar, s. B 99.

c. Gertrud, geb. um 1690. Sie kam 1713 nach Aurich, wurde 1714 Hoffräulein bei der Fürstin von Ostfriesland und heirathete den Drost zu Wittmund in Ostfriesland Karl Friedrich von Staudach, der 1737 starb.

d. Sophie Eleonore, starb 1747 am 5. Februar.

e. Luise Charlotte, geb. 1698, get. am 23. Januar.