Die Sternberg-Sage , Auszug aus dem Familienbuch von 1875


Nachrichten

über das

Geschlecht der Ungern-Sternberg

aus autentischen Quellen gesammelt

vom

Rudof Freiher v. Ungern-Sternberg

zu Birkas


im Auftrag der Familie revidiert und ergänzt

von

C. Rußwurm

Schulinspector a.D. und Archivar




Lebensbeschreibungen der Herren von Ungern aus der Ordenszeit.

Der Ursprung des später gräflichen Geschlechts Sternberg ist, wie bei den meisten alten Familien, in Dunkel gehüllt. Doch scheint in dem Mutterlande zahlreicher Pilger nach Livland, Westfalen, auch dieses Geschlechtes Wiege gesucht werden zu müssen, da im Waldeck'schen das Schloß Sternberg, welches von 1283 bis 1402 den Grafen Sternberg gehört hat, noch gegenwärtig den Namen führt, obgleich es später in den Besitz der Grafen, jetzt Fürsten, von Lippe übergegangen ist. Nach einer freilich unverbürgten Angabe Ulemann's wanderte das Geschlecht der Sternberg um 942 aus Westfalen nach Böhmen, woraus hervorzugehen scheint, daß die böhmische Linie sich von den westfälischen Namensvettern herleite.

Ein anderer, vielleicht verwandter Zweig war, wie es heißt, in Franken ansässig, wo noch jetzt im Grabthale im Untermainkreise ein Schloß Sternberg liegt. Schon bei den ersten Turnieren, die Rixner in seinen unzuver-lässigen Listen ausführt, werden Wenceslaus und Wolfhardt von Sternberg aus Frankenland genannt, und im Mittelalter hat das Schloß Sternberg lange Zeit Rittern und Freiherrn desselben Namens gehört.

In Böhmen, wo Kaiser Heinrich II. 1004 nach Vertreibung des Herzogs Boleslaw von Polen den böhmischen Herzog Iaromir wieder einsetzte, mag unter den deutschen Rittern, die dorthin auswanderten und reichlich mit Gütern belehnt wurden, auch ein Glied der Familie Stern-berg aus Westfalen gewesen sein. Im Mittelalter und noch bis auf die neueste Zeit haben die Herren uud Grafen von Sternberg dort und in den Nachbarländern bedeutende Besitzungen erworben, und manche treffliche Blüthe mag der in die neue Heimath verpflanzte Baum getrieben haben.

Vor Allen aber ragt der Böhmenheld Jaroslaw hervor, der nach muthvoller Vertheidigung der Stadt Olmütz und nach Besiegung der Mongolen (1241) bald nachher auf der Wahlstatt das Schloß Sternberg gründete, an welches sich später eine Stadt anlehnte. Beides blieb bis 1409 Eigenthum der Nachkommen Jaroslaw's, dessen Bruder Johannes nach der Familientradition Stammvater der livländischen Familie Ungern geworden ist.

Außer JIaroslaw und seiner Brüder Descendenz haben in Deutschland Grafen und Herren von Sternberg in verschiedenen Ländern Güter besessen und sich in Staatsdiensten oder durch die Verwandtschaft mit Fürsten und Königen ausgezeichnet. In Böhmen, Schlesien, Mähren, in Schwaben und an der Mosel, in Meklenburg und in Preußen kehrt der Name wieder, und eine große Anzahl von Städten und Schlössern führt dieselbe Benennung. Auch die Familie Küchmeister von Sternberg und die polnische Sztemberg oder Sztembeck wird, doch wohl ohne Grund, für verwandt gehalten. Ob in Bezug auf diese zum Theil ausgeftorbenen Geschlechter, die meistens ein ähnliches Wappen, einen acht- oder sechstrahligen Stern, führten, der Zusammenhang mit dem livländischen Zweige bewiesen werden könne, diese Frage liegt unserer Untersuchung zu fern, als daß man die Dokumente der weit verzweigten Linien prüfen könnte.

Sicher aber gehört die Familie Sternberg zu den ältesten Geschlechtern Deutschlands, und man hat nicht nöthig, mit Tanner auf St. Kaspar zurückzugehen, um dem Stammbaum ein ehrwürdiges Alter zu vindiciren.

Entdeckung Livland's. Albrecht 1201.

A 1 Johannes I. de Hungaria. 1211. 1269.

Livland war zwar entdeckt und durch Meinhard das Christenthum dort verkündet worden, aber bisher mit wenig Erfolg. Da ward 1199 Albrecht von Apeldern, auch von Bikeshovede oder Buxhöwden genannt, zum Bischof ernannt, und dieser feurige, unermüdliche Mann ist der Gründer des livländischen Staates geworden. Getränkt von dem Geiste der Kreuz züge, begeistert für die Ausbreitung des Christenthums, hielt er sich für berufen, die Reste des Heidenthums im nördlichen Europa zu überwinden. Daher sandte er zahlreiche Missionäre aus, knüpfte Verbindungen mit den benachbarten Fürsten, sowie mit den Aeltesten der Liwen, Letten und Ehstten an, beförderte den Handel von Gotland und Lübeck aus und baute feste Burgen zum Schutze der neuen Pflanzung.

Doch nicht immer reichten friedliche Mittel aus, die mit den Eingeborenen geschlossenen Verträge aufrecht zu erhalten und die freie Verkündigung des Evangeliums zu schützen. Es entstanden Kämpfe, die nur durch zahlreichen Zuzug aus den Christenländern durchgeführt werden konnten. Deshalb bewirkte er, daß Papst Innocenz III. in seiner Bulle vom 5. October 1199 die Pilgerschaft nach Livland, dem Lande der Mutter Gottes, für ebenso vollständig sündenvergebend als einen Kreuzzug nach Jerusalem oder eine Reise nach Rom erklärte.

Demgemäß durchzog Albrecht rastlos Deutschland, verkündigte das Kreuz, sammelte Pilgerschaaren, schiffte mit ihnen im Frühjahr nach Livland und zwang mit diesen bewaffneten Missionaren die besiegten Feinde haufenweise zur Unterwerfung, zur Taufe und zu dem Gelöbniss, den Zehnten an die Kirche zu zahlen. Hatten die Pilger ein Jahr lang im Lande der heiligen Jungfrau gekämpft, so kehrten sie mit Beute beladen auf ihren Schiffen zurück, fröhlich wieder der Heimath zusteuernd, da sie nicht nur Schätze auf Erden gesammelt, sondern auch das wohlverbriefte Recht auf den Himmel sich erworben hatten. Der Bischof aber begleitete die Pilger nach Deutschland, um neue und immer zahlreichere Schaaren mit dem Kreuze zu bezeichnen.

Dreizehn Mal hat Bischof Albrecht auf diese Art Pilgerschaaren nach Livland gebracht, denn das Land der heiligen Jungfrau mußte von Heiden gereinigt und die Herrschaft des Kreuzes Christi um jeden Preis aufgerichtet werden.

Aber nicht nur auf die zeitweilige Hülfe der Pilger verließ sich Bischof Albrecht, sonder bald nach der Gründung Riga's [1201] stiftete er 1202 den Orden der Schwertritter zum bleibenden Schutze seiner jungen Kirche, und unter den Pilgern fesselte er die tapfersten Ritter durch Belehnungen, oft mit ganzen Kirchspielen, wodurch sie Vasallen der Kirche zu Riga wurden.

Aus diesen führt Heinrich von Lettland vorzugsweise Konrad von Meyendorp, dessen Namen in Uexkull sich wandelte, und Engelbrecht vou Tysenhausen an. Da aber M, Braudis und nach ihm Hjärn mit den Obigen zugleich auch Wolmar von Rosen und Hans von Ungern als solche nennt, die sich alle in den Kriegen zu Bischof Albrechts Zeiten wohl verhalten haben und von dem Bischof Nicolaus mit Gütern belehnt worden seien es aber erwiesen ist, daß die ersteren schon von Albrecht mit Lehngütern bedacht worden waren, so scheint wohl daraus hervorzugehen, daß auch den Rosen und Ungern ihre Lehngüter vom Bischof Nicolaus nur confirmirt wurden.

Daß diese vier Familien zu den ersten Ankömmlingen gehören, scheint mir ferner daraus hervorzugehen, daß nur ihnen das Privilegium der gesammteu Hand ertheilt wurde, während alle übrigen ihre Güter nur nach altem oder neuem Mannlehnrechte besaßen, d. h. auf Lebzeiten oder bis zum Erlöschen der directen Descendenz. Erst später ward das harrisch-wierische Recht auch auf Livland ausgedehnt. Wahrscheinlich hat jener feste Grundbesitz zur Erhaltung obiger vier alten Familien wesentlich beigetragen.

Nach der leider durch kein Dokument beglaubigten Sage unseres Hauses kam Johannes von Sternberg 1211 aus Böhmen nach Livland mit 500 Reitern und 500 Mann Fußvolk, die er an der Gränze Ungarn's geworben, weshalb er der Ungern-Hauptmann, de Hungaria, genannt wurde.

Er hat Hierselbst zur Verbreitung des Christenglaubens tapfer gestritten und ist dafür von dem Bischof Albertus mit dem Districte Sissegal belehnt worden, hat 1232 des Liwenkönigs Kaupo Tochter Hedwig geheirathet und zum Zeichen der innigen Verbindung aus dem Wappen der Lieven die ihnen vom Papste verliehenen 7 Nordsterne in sein Wappen aufgenommen, wogegen er die drei Lilien aus seinem Wappen den Lieven in ihrem Wappen zu führen gestattet. Als die Jungfrau Magdalena, Kaupo's andere Tochter, unverändert verblich, erbaute Johannes de Hungaria über ihrem Grabe eine Kirche zu Sissegal, die er nach ihrem Namen benannte, und in der er nachmals auch selbst begraben ist.

Hat nun auch die obige Sage die Mannen Sternberg's verdoppelt oder verzehnfacht, da eine so bedeutende Unterstützung sicherlich von Heinrich dem Letten nicht unberichtet geblieben wäre, so geht doch aus ihr hervor, weshalb hier unsere Familie den Namen Ungern führt. Denn abgesehen von dem obigen Beispiele der Uexkull's haben viele Familien deutschen Ursprungs hier ihre alten Namen vergessen und gewechselt.

Zwar mag der berühmte Liwenhäuptling Kaupo keine Nachkommen hinterlassen haben, da sein Sohn Berthold und sein Schwiegersohn (gener) Wane in der Schlacht an der Ymera 1210 fielen und Kaupo 1217 seine Güter den Kirchen schenkte. Doch scheint unsere Stammmutter eine Lieven gewesen zu sein, denn unser altes Wappen, mit dem unsere Väter bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts gesiegelt haben, unterscheidet sich von dem der Lieven nur dadurch, daß die Farbe des Schildes bei jener Familie roth, bei uns aber blau ist, Zufall kann hier nicht obwalten; das weiß Jeder, der die Eifersucht kennt, mit der unsere Altvorderen über ihre Ehrenzeichen wachten.

Das älteste Dokument über Hans von Ungern ist leider verloren gegangen und desselben wird nur kurz erwähnt in einer Aufzeichnung von Moritz Brandis in dem Anhange zu der Ordens-Chronik, die in Skokloster aufbewahrt wird. Es heißt darin über Konrad von Meyendurff: Dieser hat noch gelebtt Anno 1252, wie seiner denn in einem Lehnbrief alß eynes Gezeugen gedacht wird. Denselben hat Bischof Nicolaus der Vierte zu Riga (den doch die alten Chroniken 1233 gestorben zu sein sagen, aber vielleicht mag mißgeschrieben sein) Herrn Hanß von Ungern auff 100 Hacken Landß im Semgallen gegeben.

Unter den benutzten Quellen nennt Brandis auch die Copey Eines Lehnbrieffs von Bischof Nicola zu Riga, Herrn Hanß von Ungern gegeben.

Außer diesem vielleicht noch in einem Archive Schwedens verborgenen Lehnbriefe sind bis jetzt nur zwei Urkunden bekannt, die Johannes von Ungern zu Riga 1262 und 1269 als Zeuge untersiegelt hat. In der letzteren heißt er Lehnsmann der Kirche zu Riga und muß, wenn er 1211 schon ins Land gekommen ist, sehr alt gewesen sein. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, daß der in diesen Zeugnissen genannte Johannes ein gleich-namiger Sohn des ersten Einwanderers gewesen sei. Dem verdienstvollen Johannes I. kann sehr wohl eine so bedeutende Verlehnung ertheilt sein, und er mag sich dann nach 1252 auf seine Güter zurückgezogen haben.

Nach der Familientradition war Johannes ein Bruder des Helden Jaroslaw und ihre Eltern hießen Dzislaw von Sternberg und Sidonia von Waldstein.

Seine Söhne können Rudolf I. und Dietrich, A2 und 2a, gewesen sein.